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Mittwoch, 2. Juli 2008

HATE-RADIO

Die EM 2008 ist Geschichte, ein sportliches Fazit anderenorts längst gezogen. Noch nicht ausreichend gewürdigt jedoch wurde das, was drei Wochen lang auf den Mattscheiben und Leinwänden an öffentlich-rechtlichlicher Selbstaufgabe passiert ist. Das Gesehene kann eigentlich nur zur konsequenten Forderung nach sofortiger Abschaltung der öffentlich-rechtlichen Sendesyteme führen.
beeeeeeeeeeeeeeep....


Testbild

Hate-Radio bezeichnet für gewöhnlich meist staatlich gesendetes Programm, das zum Hass auf bestimmte Ethnien oder auf religiöse oder politische Gegner anstachelt. Eine ganz neue Form von Hate-Radio, bzw. Hate-TV jedoch wurde in den Wochen der Fussball-EM durch die öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands kreiert. Der Hass, der durch die Art der 24/7-Versendung bei mündigen Zuschauern entstand, war Hass auf Johann Baptist Kerner, dem anderenorts bereits eine Tracht Prügel gewünscht wurde, weil er "seinen Mund mit Wörtern füllt, die sich gegen ihre Einspeichelung nicht wehren können"; Hass auf Monica Lierhaus, deren einst ganz eventuell einmal vorhandene journalistische Zielsetzung mit jeder Sendeminute, die sie uns beplappern durfte, tiefer im Lago Maggiore hinter ihr verklappt worden ist; Hass auf ZDF-Sportstudio-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die mit ihrem üblen schwarz-rot-goldenen Dirndl (sic!) schlimmsten Augenkrebs verursachte und Hass überhaupt auf alle, die im Laufe der drei Wochen die unsägliche ZDF-Seebühne in Bregenz oder Waldemar Hartmanns EM-Club betreten haben. Doch Hass ist nie ein guter Ratgeber. Verstellt er doch den Blick auf ein Medien-Desaster, das weit über den Ekel vor einzelnen Personen hinausreicht und das einer rationaleren Betrachtung bedarf.

Offensichtlich wurde dies nochmals am vorgestrigen Montag, während der wohl schlimmsten Inszenierung der letzten Wochen, als in Berlin die Jubelorgie für die finalen Verlierer des Vortages parallel in nicht weniger als drei öffentlich-rechtlichen Sendern übertragen wurde - eine Sendeplanung, die ansonsten eigentlich dem Papst und Königen vorbehalten bleibt. Wieder dabei: Lierhaus und Kerner, die als die neuen Cindy und Bert vor die Kameras und die angeblich Hunderttausende am Brandenburger Tor traten. Der eine salbaderte von "Grösse im Verlieren", die andere salbte "unsere Jungs" nach ihrer Rückkehr von der Front, kicherte dabei wie ein Teenie und jazzte die letztlich doch sehr dürftige Performance des Teams zu einer "tollen Leistung" hoch. Den Rest ihrer Konzentration mussten beide im weiteren Verlauf dafür aufbringen, nicht auf ihrem eigenen Schleim auszurutschen, auf dem in der Folge zweifelhafte Popkulturgrössen Promoauftritte absolvierten und so das Erscheinen von "Jogi", "Poldi" und "Schweini" vorbereiteten. Doch das geschenkt. Ausführlichere Stilkritik an der Art der Präsentation der Nationalmannschaft findet sich u.A. hier oder hier in den Feuilletons der bürgerlichen Presse. Dabei wäre ein Verschieben des Themas in die Ressorts Medien und Politik längst angesagt.

Denn was der Aufritt der beiden öffentlich-rechtlichen Anheizer wirklich deutlich gemacht hat, ist, was bei den öffentlichen Leichenbeschauen der letzten Wochen tatsächlich zu begutachten war. Während Wiglaf Droste in der "jungen Welt" noch dachte, die zahlreichen Besucher eines "Public Viewings" betrachteten sich in diesem Sinne im Wesentlichen selber, und Fussballfans des Alltags fanden, dass es sich beim Objekt des nekrophilen Interesses eher um die kommerziell zerfledderten Überreste ihres Ballsports handelte, so wird in der Rückschau klar, welche Leiche tatsächlich in Deutschlands "Fan-Zonen" ausgestellt wurde. Es war der Kadaver eines öffentlich-rechtlichen (Sport-) Journalismus, von dem man dort gemeinsam fähnchenschwingend und hüpfend Abschied nehmen konnte.

Kerner, der erstaunlicherweise auch als Journalist geführt wird, Lierhaus und alle anderen aus den Sendebehörden haben in den zurückliegenden Wochen endgültig jedwede Art einer Distanz zum Objekt ihrer Berichterstattung aufgegeben. Kritische Nachfragen? Fehlanzeige. Distanzierte Berichterstattung über Spielverläufe? Nada. Hintergrundinformationen, die nicht mit der DFB-Zentrale abgestimmt waren? Nirgendwo.

Trotz vielstündiger Berichte vor und nach jedem Spiel, erfuhr man von einem fast handgreiflichen Konflikt zwischen dem Spieler Ballack und dem Teammanager Bierhoff im Anschluss an das Finale z.B. nichts, sondern musste warten, bis die Story am Folgetag durch Printmedien nachgeliefert wurde.

Trotz grosser und teurer Sportredaktionen bei ARD und ZDF gab es den einzigen im TV ausgestrahlten kritischen Kommentar zur sportlichen Leistung der Nationalmannschaft ausgerechnet von Rainer Holzschuh, sofern man das knurrige Gemurmel eines Günter Netzer nicht als Kritik überbewerten will. Holzschuh, Chefredakteur wohlgemerkt des Kicker, einem Magazin, das beileibe nicht in dem Ruf steht, mit dem Gegenstand seiner Berichterstattung allzu kritisch umzugehen, war der einzige, der sich im allgemeinen Taumel der Berliner Jubelperser-Veranstaltung weigerte, rundum mit Allem zufrieden zu sein. Dafür wurde sein Statement dann auch konsequenterweise zum Minoritätensender Phoenix abgeschoben, wo es die gute Laune nicht weiter trüben konnte.

Die Sportredaktionen der Öffentlich-Rechtlichen, die sich noch vor einem Jahr, anlässlich der Dopingfälle rund um den Radsport, den bigotten Heiligenschein eines kritischen Journalismus verpassten - nicht ohne dafür auch über Karrieren und Lebenswege zu gehen - sitzen tiefer denn je im Gedärm schwarz-rot-geiler Sport-Helden. Fragt man sich, wie es dazu kommt, gibt es zwei Erklärungsansätze.

Der erste wird durch die Wahl des Ortes der "DFB-Celebration" deutlich. War es bis 2006 ausgemachte Sache, dass Teams, die es angeblich verdient hatten, öffentlich in der Hauptstadt des Fussballs - in Frankfurt nämlich, dem Sitz der DFB-Zentrale - verabschiedet wurden, so wird seit der WM 2006 dieser hoheitliche Akt in der politischen Hauptstadt des Landes begangen.

Es ist wie in ganz simplen Verschwörungstheorien. Die Herrschenden bedienen sich inzwischen ganz offen des Volksvergnügens Fussball, um Stimmungslagen und Entwicklungen zu beeinflussen. Getreu der Aussage des faschistischen Diktators Portugals António de Oliveira Salazar, der auf die Frage, wie er sich so lange - nämlich 36 Jahre - habe an der Macht halten können, geantwortet haben soll, massgeblich seinen die "drei F - Fiesta, Fado und Fussball" gewesen - (Dank für diesen Hinweis an den türkischen Zeitungsverkäufer meines Vertrauens) - wird ein Ereignis wie die abgelaufene EM dazu benutzt, ein sozial und politisch auseinanderdriftendes Volk mittels eines aufgewärmten "Sommermärchens" vom zunehmend perspektivlosen Alltag und von unangenehmen Entscheidungen, wie z.B. der zusätzlichen Entsendung deutscher Soldaten nach Afghanistan abzulenken. Dass die Angelegenheit ganz offen als "Märchen" bezeichnet wird, ist dabei nicht mehr als eine zynische Randnotiz.

So einfach das erscheint, so richtig ist es. Aber nicht wirklich neu, denkt man an Salazar. Neu aber ist, dass hierfür die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten derart massiv in die Pflicht genommen werden. Anders, als mit vorhandenen Leitlinien und Sprachregelungen lässt sich nämlich kaum erklären, dass z.B. die öffentlich-rechtliche Bildregie eine im Stadion anwesende Kanzlerin häufiger zeigte, als am Spiel beteiligte Akteure. Begleitet wurden diese - oft genug den aktuellen Spielverlauf unterbrechenden - "Human -Touch" -Studien von Merkel dann obendrein von latent unterwürfigen Kommentaren, sodass das Ganze in seiner unkritischen Nähe beinahe an das rumänische TV der Ceauşescu-Ära erinnerte. Lediglich die Tatsache, dass Angela Merkel im Anschluss eines Spieles von einem beflissenen öffentlich-rechtlichen Stichwortgeber vor der UEFA-Sponsorenwand in Szene gesetzt wurde, gab uns einen Hinweis darauf, dass es, anders als bei Ceauşescu, offenbar doch noch höhere Mächte zu geben scheint.

Ebensowenig lässt sich anders als mit Vorgaben erklären, dass sämtliche Vor- und Nachberichte zum Halbfinale gegen die Türkei einer - nach wie vor in weiten Teilen rassistischen - Gesellschaft ein Wirklichkeitskonzept einer politisch gewünschten "Freundschaftsparty" überstülpten. Dass dabei real abgelaufene Türken-Hatzen wie in Magdeburg konsequent ausgeblendet wurden, versteht sich fast von selber. Die Frage, wielange die Sender dieses Bild einer grossen wohligen Harmonie hätten aufrechterhalten können, wenn es - bei einem verdienten Sieg der türkischen Mannschaft - nicht bei einzelnen Vorfällen geblieben wäre, musste glücklicherweise nicht beantwortet werden, weil das Tor in letzter Minute auf der "richtigen" Seite fiel. Obwohl - interessant wäre es schon gewesen, herauszufinden, ob sie vielleicht bereits vorproduzierte Hintergrundberichte über das Scheitern von "Multikulti" zur Verfügung gehabt hätten, um eine zu erwartende Aufwallung zu kanalisieren, oder ob die riesige Party zwangsweise auch im TV hätte weitergehen müssen.

Dass es bei den vielfachen medialen Diensten im Sinne einer fussballbefeuerten neuen "Du bist Deutschland!"-Kampagne nicht nur um vorauseilenden Gehorsam einzelner Sportredaktionen ging, sondern dass das ganze System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den Dienst der Sache gestellt wurde, zeigte sich besonders im auf zehn Minuten verkürzten Allerheiligsten der Öffentlich Rechtlichen, den Hauptnachrichten in den jeweligen Halbzeitpausen. Diese schienen auf Zeit ebenfalls federführend vom "Sport" gemacht, und machten in der Regel nicht mit den politischen Schlagzeilen des Tages auf, die z.B. aus dem bereits angesprochenen Afghanistan-Mandat oder der geplanten Zentralerfassung aller Bürger bestanden hätten. Stattdessen eröffnete meist ein bereits zuvor gesendeter bunter Beitrag aus der Welt des zweiten "Sommermärchens" die Sendung. Hier ging es dann hauptsächlich um aktuelle Speisefolgen der Nationalspieler oder um Fragen wie "Tischtennis oder Yoga?" bzw. "Spielerfrauen oder Spielekonsole?". Und selbst hier noch griff die Selbstzensur, in deren Fokus die Aufrechterhaltung der umfassenden Fröhlichkeit stand und durch die alles, was über das inszenierte "Märchen" hinausweisen könnte, ausgeblendet wurde. So wurde dem Zuschauer z.B. nicht zugemutet, die Nachricht, dass die Grossmutter des Spielers Mertesacker offenbar während der EM verstorben war, für ihn ein Besuch seiner Familie jedoch nicht ermöglicht werden konnte, in Relation zur Wichtigkeit der "Gipfel-Mission" "unserer Jungs" zu stellen.

Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich nicht nur mit ihren Sportredaktionen von seriösem Journalismus verabschiedet. Wer Augen hat, zu sehen, und Ohren hat zu hören, weiss das schon länger, die oben angeführten Fälle sind nur exemplarisch für nahezu täglich vorgeführtes Desinteresse an distanzierter, fundierter und objektiver Berichterstattung. In der Transformation eines Sportereignisses zu einer nationalen Weihe und in der täglichen Ballung über drei Wochen fiel es nur besonders auf. Wie weit die mit Gebühren zugeschütteten öffentlichen Sendeanstalten inzwischen aber tatsächlich von jedem glaubwürdigen Anspruch entfernt sind, wird ersichtlich, wenn man erkennt, dass sich mit ihnen nichtmals mehr eine Auseinandersetzung über journalistische Standards führen lässt, weil das Gegenüber die anerkannten Basics einer kritischen Berichterstattung negiert und so tut, als definierte es das, was Journalismus ausmacht, in eigener Regie neu. Selbstzufriedenheit und gefühlte Unfehlbarkeit wären dann der zweite Ansatz einer Erklärung für das mediale Desaster der letzten Wochen.

Eine Sache wäre es, ernsthafte Begründungen dafür zu hören, warum ARD und ZDF im Rahmen ihrer EM-Berichterstattung auf journalistische Minimalanforderungen lieber verzichten wollen. Darüber liesse sich notfalls streiten. Die andere Sache ist, wenn ohne jede inhaltliche Auseinandersetzung und ohne jede Kenntnisnahme vielfach geäusserter Kritik einfach behauptet wird, Kerner und Konsorten seien eben Qualitätsjournalismus, wie nachfolgend von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender in einer Pressemitteilung zum Erfolg der ZDF-Seebühne in Bregenz:

"Die Zuschauer haben uns für dieses Engagement belohnt. Rekordzahlen bei den Einschaltquoten, viel Lob und Anerkennung für Moderatoren, Reporter, Experten und Kommentatoren und eine Bildschirmpräsentation auf hohem Niveau zeichnen die Euro 2008 im ZDF aus […]
Das große Auge aus der Opernkulisse der Tosca-Aufführung ist in diesem Sommer zum Symbol für journalistische Qualität und die Leichtigkeit bester Fernsehunterhaltung geworden..."


Man nennt es wohl selektive Wahrnehmung, wenn nicht einmal planerische Katastrophen, wie ein offenbar nicht vorhandener Regenschutz für Moderatoren und Geräte auf der ach-so-tollen Bregenzer Seebühne, die Freude über eine "Bildschirmpräsentation auf hohem Niveau" trüben können. Angesichts eines solchen Selbstbildes, bei dem eigentlich ständig die Gefahr bestehen muss, sich beim selber-auf-die-Schulter-schlagen den Arm zu verrenken, und vor Allem angesichts einer immer offener betriebener Funktion als Propagandaapparat der Regierung, erscheint jeder Versuch, über die weitere Existenzberechtigung öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten zu diskutieren, sinnlos. Der eigentlich ganz guten Idee, unabhängige Medien zu produzieren, die sich anderen Werten als denen der Profiterwirtschaftung verpflichtet fühlen, wird von Akteuren wie Nikolaus Brender und durch Journalisten-Darsteller wie Johannes B. Kerner oder Monica Lierhaus jede weitere Grundlage entzogen.

Passend dazu auch ein Zitat von dogfood, der bei allesaussersport - (einem im Übrigen jederzeit lesenswerten Blog zu Sport im Fernsehen) - nicht nur die oben angeführte ZDF-Pressemitteilung ausgegraben hat, sondern auch zu ganz ähnlichen Schlüssen kommt, obwohl er sich eigentlich als Befürworter des öffentlich-rechtlichen Sendesystems zu erkennen gibt:

"Wenn Führungspersonal eines Senders abseits jedes Geschmäcklerischen so tief und ohne Not in die Propagandakiste greift, ist jegliche ernsthafte Auseinandersetzung sinnlos. Das Maß der Verblendung macht deutlich, dass hier nur noch aus einer autistischen Binnensicht heraus argumentiert wird. Es macht schlichtweg keinen Sinn hier noch journalistische Maßstäbe ansetzen zu wollen. Hier hat sich etwas verselbstständigt und es wäre Kraftvergeudung es vor seinem Tod, vor seiner Implosion zu versuchen zu verändern."

Wären die Verwalter und Vergeuder immenser Geldberge in den Gremien der Sendeanstalten weniger realitätsfremd - es sollte ihnen Angst machen, wenn sich Leute wie dogfood, aber auch viele andere, die sich normalerweise mit der Idee nichtkommerzieller Sender durchaus identifizieren können, inzwischen vorstellen können, auf sie zu verzichten. Denn ob sie sich an dem Tag, an dem ihre Existenzberechtigung allgemein infragegestellt werden wird, darauf werden verlassen können, von jenen verteidigt zu werden, denen sie ohne Not jeden journalistischen und kritischen Anspruch opfern - sei es das Publikum oder die Politik - darf massiv bezweifelt werden.

beeeeeeeeeeeeeeep....

Credits:
Das verwendete Testbild stammt von Herbert Kalsers toller Testbildsammlung tv-testbild.com

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Rubrik: 06 - TV-EYE & FLATBRAIN
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Donnerstag, 26. Juni 2008

WUPPERTAL - 25.06.2008

Vor den Halbfinals. Wuppertal-Elberfeld, 25/06/2008 - Innenstadt
Fahne im Fenster


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Rubrik: 07 - ORT & UMGEBUNG
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Freitag, 13. Juni 2008

DIE IREN SIND EUROPAMEISTER!

Aufgrund der anhaltenden Fröhlichkeitsinszenierung rund um die EM in Österreich und der Schweiz beinahe unbemerkt, ist gestern eine für Europa wesentlich entscheidendere Frage beantwortet worden, als die, wer dieses Jahr Europameister wird. Und zwar von einem Volk, dessen Team in den Alpen gar nicht erst dabei ist.

Guiness-Werbefigur

Die Iren stoppen vorerst mit einem klaren "NO" bei der Volksbefragung den neoliberalen und militaristischen EU-Vertrag, den sich die Herrschenden ausgedacht hatten, um die u.a. durchs französische Volk abgelehnte EU-Verfassung doch noch durchzudrücken. Begleitet von einer beispiellosen Desinfomationskampagne - im wahrsten Sinne des Wortes wurde einfach nicht informiert - hatten sie dafür gesorgt, dass ihre Büttel in den Parlamenten, ohne weitere lästige Befragungen der Bevölkerung, die Manifestation eines Europas der Konzerne und eines imperialen Anspruchs durchsetzen können.

Überall - nur nicht in Irland. Und die Iren haben gestern die einzige Chance auf eine direkte Mitwirkung der Menschen an Weichenstellungen, die alle Aspekte des Lebens betreffen, ergriffen und das vorgelegte Konzept abgelehnt. Oder, um es in den aktuell gültigen Termini zu sagen: Mit dem Rücken an der Wand stehend, wurde der einzige Konter in der Nachspielzeit genutzt, um mit einem entschlossenen Angriff der neoliberalen Maschinerie einen empfindlichen Schlag zu versetzen.

Jetzt - es ist Nachmittag - heulen die Mächtigen, bzw. ihre medialen Interessenvertreter in den Redaktionen bei Phönix, bei n-tv und N24, wieder rum. Ihre offenbar vorproduzierten Kommentare zur "Undankbarkeit" der von "unseren Geldern" gepeppelten Iren, zu einer vorgeblichen unüberwindlichen "instutionalisierten Krise" der EU - dem angeblich menschenfreundlichsten imperialen Systems ever - und zu den üblen demokratischen Problemen, eine Einheitsmeinung herzustellen, laufen über die Sender und bis zum Abend wird sich das pseudo-journalistische Geheule mit Sicherheit noch steigern.

Die üblichen Plapperer der öffentlich-rechtlichen Regierungspropanda in den Sendeanstalten werden die Zeit nutzen, wütende Kommentare und einseitige Berichte zu verfertigen. Um, wie unlängst schon - nach der durch die Linkspartei durchgesetzten Nichtzustimmung Berlins bei der Bundesratsentscheidung über den EU-Vertrag - alsbald den nahenden wirtschaftlichen Untergang des christlichen Abendlandes und die zukünftige Bedeutungslosigkeit Europas im Ringen der Weltmächte heraufzubeschwören. Und nicht zuletzt, um die Bevölkerung auf das zu erwartende Ignorieren der irischen Entscheidung vorzubereiten.

Ich jedoch werde einstweilen genüsslich ein Guiness trinken. Cheers!

Credits: Das verwendete Foto stammt von vandys, und steht unter einer creative commons-Lizenz.

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Rubrik: 03 - LÜGEN & WAHN
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Dienstag, 10. Juni 2008

HEH, IHR FUSSBALLEXPERTEN!

Fussball-Experten

Eigentlich sollte die laufende EM am UMLOG spurlos vorbeigehen. Das alles ist zuviel, zuoft, zu lästig. Aber jetzt habt ihr euch, Teilzeit-Fussballexperten und -expertinnen, Lifestyle-Deppen und Fähnchenträger, gestern Abend eine ernste Ermahnung verdient.

Also - bevor ihr euch das nächste Mal den Feinsand im sogenannten Wupperbeach an der Stadthalle ins Hirn stopft und öffentliches, gemeinsames Fernsehgucken zelebriert, tut mir einen Gefallen. Lasst euch, solange euer Restverstand noch nicht von den ganzen tollen Cocktails und den superschicken Alkoholmixgetränken dahingerafft ist, von einem Fachmann mal Folgendes erklären: Es hat Fussball schon vor 2006 gegeben! Echt! Irgendein Onkel in eurer Verwandtschaft wird schon Bescheid wissen.

Da gibt es solche Geschichten und solche. Es gibt Sachen, die gehen, und Sachen die gehen nicht. Laut für holländische Tore jubeln, geht zum Beispiel gar nicht. Auch nicht, wenn sie gegen Italien fallen.

Ich weiss... Die doofen, doofen Italiener haben euch vor zwei Jahren euer schönes Sommermärchen kaputtgemacht. Ich weiss, orange steht euch ziemlich gut. Vor allem im Sommer. Trotzdem.

Ach ja, und wo wir schonmal dabei sind: Ab der 83. Spielminute eines ersten Turnierspieles hupend durch die Stadt zu fahren, wie es am Tag davor beim Spiel gegen Polen geschehen ist, nur um irgendwie auch mal Erster zu sein, ist wirklich ganz blöd. Fragt mal den Fachmann, der euch erklären soll, wie lange es eigentlich schon Fussballspiele gibt. Der kann euch auch erklären, wielange sie so normalerweise dauern. Neunzig Minuten nämlich. Mindestens. Und das nächste ist immer das schwerste.

Das beste wäre aber, ab morgen gäb's durchgängig Fritz-Walter-Wetter. Wenn ihr jetzt nicht wisst, was das wieder ist - macht nix, merkt ihr schon.

Credits: Das verwendete Foto stammt aus einer Fotoserie zur WM 2006 von lordkhan, und steht unter einer creative commons-Lizenz.

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Rubrik: 03 - LÜGEN & WAHN
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Freitag, 30. Mai 2008

TV-EYE 03 - ARTE-TIP | MARADONA

Schon morgen, also Samstag, 31.05., wiederholt ARTE bereits um 14°° Uhr nochmals eine Dokumentation in Filmlänge über Diego Maradona. Dieser wahrhaft phantastische Film aus dem Jahr 2006, der kurz vor der WM bereits einmal ausgestrahlt wurde, erzählt die einzigartige Geschichte von Diego Armando Maradona so voller Anteilnahme, dass es jedem wirklichen Fussballfan mehrfach Tränen der Rührung in die Augen treibt - auch beim wiederholten Ansehen.

Screenshot Maradona

Neben sensationellen, teilweise noch nie gesehen Aufnahmen aus Argentinien, legendären Toren, ausgelassenen, zuvor selbst herausgeszauberten Gross-Chancen, menschenverachtenden Fouls - (Goikoetxea, der "Schlächter von Bilbao" !!!) - und ebensolchen Geschäftspraktiken, zeigt der Film vor allem die Bedeutung Maradonas für ein Argentinien unter wechselnden unfähigen Staatschefs, für ein benachteiligtes Süditalien mit seinem Underdogverein SSC Neapel, und für Fusballfans weltweit, die Maradona bis zum heutigen Tag als einen der ihren betrachten.

Durch die filmische Erzählung zu Maradonas Karriere, seiner Herkunft, seiner Leiden und seiner Fehltritte, arbeitet der TV-Bericht - so gut wie zuvor nur sehr selten ein Film - heraus, was, im Gegensatz dazu, heutiger, "moderner" Fussball bedeutet.

Der Weltstar Diego Maradona war der letzte seiner Art. Erschien einem der entfachte Hype um Diego zu seiner aktiven Zeit - vor allem nach seinem Wechsel nach Europa - schon damals als zuviel, so haben doch erst die Jahre, die seinem Karriereende folgten, deutlich gemacht, wie die Magie, die Fussball einmal ausgemacht hat, tatsächlich noch zerstört werden sollte.

Diego bei der WMMaradona war der letzte Weltstar, der nur deshalb zum Weltstar wurde, weil er gerne und sehr, sehr gut Fussball gespielt hat - nicht, weil er für Ausrüster und Premium -Sponsoren gut gepasst hätte. Für diese war er Zeit seiner aktiven Laufbahn - und auch danach - eher kontraproduktiv. Diego Armando Maradona war immer - und er ist es noch, wie die Bilder der WM gezeigt haben - einer von denen, die allwöchentlich in irgendeiner Kurve stehen - mit allen Fehlern, allen Emotionen, aller Überheblichkeit und Dummheit, die normalen Menschen zu schaffen machen. Und gleichzeitig mit einer Lust am Rausch, einem Empfinden für den einen Moment des Glücks und einer unberechenbaren Hingabe, die nicht in Berechnungen einer Wirtschaftlichkeit ausgedrückt werden können.

Nach Maradona haben sie sich ihre neuen Weltstars herangezüchtet. All' die Ronaldos, Beckhams und Ballacks, die alle die gleichen Rhetorik-Seminare für Nachwuchsleuchten durchlaufen, die ihre Deals mit der Boulevardpresse machen und die auch noch in der edelsten V.I.P.-Lounge fein herzeigbar sind. Die, die ihrem Ausrüster zuliebe - zwecks Markteroberung - mal eben den Verein wechseln und doch niemals zu einem Kleine-Leute-Club wie Napoli gehen würden. Die, die nichts geben, ausser einem unterhaltsamen Kick und bunten Meldungen auf den Society-Seiten der Zeitungen. Nichts sonst, und schon gar keine Liebe.

Die FIFA hat im Zusammenspiel mit Adidas, Nike und anderen aus Diego gelernt und die - im Vergleich zu ihr fast volkstümliche - Mafia weitestgehend aus dem Geschäft gedrängt. Ein Diego Armando Maradona - einer der nie vergessen hat, wo er hergekommen ist, und der weder von den gegnerischen Abwehrspielern, noch von Aktiengesellschaften kontrollierbar gewesen ist - sollte ihnen nie wieder passieren...

Als Maradona noch aktiv gekickt hat, konnte ich ihn nicht übermässig schätzen, was mir heute noch leidtut - zu überlegen war er im Vergleich zu meinen damaligen Helden. Heute jedoch liebe ich ihn. Tausend-, ach was, hunderttausendmal lieber sehe ich einen havanarauchenden Diego im blau-weissen Trikot auf der Tribüne des WM-Stadions, als einen weichgespülten, zweibeinigen Markenartikel bei einer geckenhaften FIFA-Gala. Sie haben ihn nie geliebt. Bezeichnend, dass die FIFA Diegos (Internet-) Volkswahl zum Fussballer des Jahrhunderts im Jahr 2000 nicht einfach akzeptiert hat, sondern ihm per Order der Funktionäre stattdessen den erektionsgestörten Pele vorzog.

Maradona, der Goldjunge - Film von Jean-Christophe Rosé ARTE, 31.05.2008, 14°° Uhr

Zu sehen ist der Film auch online bei ARTE+7. Dort müsste er eigentlich noch bis nächsten Mittwoch verfügbar sein. (als Flash-Video bzw. Windows Media Player-Stream)

Wer das noch nicht gesehen hat: Angucken. Echt.

O Mamma, mamma, mamma - O Mamma, mamma, mamma
sai perchè mi batte il corazon - Ho visto Maradona,
ho visto Maradona, ho visto Maradona, ed innamorato son!




Video aus der Curva des SSC Neapel anlässlich von Maradonas Besuch an alter
Wirkungsstätte nach seiner Genesung zu Ciro Ferraras Abschiedsspiel im Jahr 2005.
Das Stadio San Paolo war an diesem Tag mit über 70.000 Zuschauern ausverkauft.

Persönliches P.S. für den Billy Bragg vom Ölberg: Falls du den Film verpasst - ich werde ihn wohl auch als Oldschool-VHS aufnehmen...

Link des Artikels: http://um3000.twoday.net/stories/4961363/
Rubrik: 06 - TV-EYE & FLATBRAIN
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