DER GRAUE BLOCK: EIN KLEINER SIEG
In der Nacht von Freitag auf Samstag kam es im Wuppertaler Autonomen Zentrum (AZ) während eines Konzertes zu einer Razzia des Wuppertaler Ordnungsamtes, die vorgeblich aus Sorge um den Jugendschutz durchgeführt wurde.
Bei Gastronomie-Kontrollen, die mal der Lebensmittelüberwachung, mal einer Überprüfung der Arbeitsverhältnisse oder eben auch dem Jugendschutz dienen sollen, fordert das kommunale Ordnungsamt gerne polizeiliche Mittel zur Unterstützung an, sobald es um unübersichtlichere Szenegastronomie geht. Das Auftreten der Einsatzkräfte bei der Durchführung dieser Kontrollen lässt beim Beobachter jedoch zuoft den Eindruck entstehen, dass hier unter dem Deckmantel eines "Gesundheits-" oder auch "Jugendschutzes" eigentlich Ausländer- und Sicherheitsbehörden agieren - dass tatsächlich also das kommunale Ordnungsamt zur Amtshilfe gebeten wird, und nicht umgekehrt. Seine Rolle ist häufig, die Jagd auf illegal lebende Küchenhilfen und kleine Dazuverdiener mit triumphal erbeuteten Küchenresten möglichst öffentlichkeitswirksam zu kaschieren. Auf diese Weise kann notfalls eine - gelegentlich aufkommende - Solidarität gerade anwesender Gäste mit den überprüften Aushilfen durch eklige Berichte über skandalöse Funde auf dem Küchenboden konterkarriert werden - und hilft das nicht, stehen schliesslich noch immer die uniformierten Amtshelfer drohend in der Szene.
Reicht den Ordnungsamts-Kontrolleuren bei "normalen" Kontrollbesuchen in der Regel jedoch die Anwesenheit von 8 - 10 Polizisten aus, so mussten es bei der "Jugendschutz-Kontrolle" des AZ in der Freitagnacht 140 Bereitschaftspolizisten aus W-Tal, Bochum und Essen sein, zuzüglich diverser Feuerwehrleute und einiger Zollbeamter, die in dem selbstverwalteten Haus skurrilerweise angeblich nach Schwarzarbeitern suchten. Die Aktion endete mit der vorhersehbaren Räumung des AZ, der Ingewahrsamnahme von 5 Minderjährigen - (von ca. 150 Anwesenden) - einer sehr fadenscheinig begründeten Beschlagnahme von Notebooks, Getränkevorräten und des grossen Mischpults, sowie vielfältiger Beschädigung von Inventar.
Im zeitlichen Umfeld eines näherrückenden 1. Mai, einer europaweiten Mobilisierung gegen den bevorstehenden NATO-Gipfel in Strasbourg, aber auch eines im nächsten Jahr auslaufenden Nutzungsvertrages für das AZ - dessen blosse Existenz ein Hindernis für die neoliberale Vermarktung des ehemaligen Tankstellengeländes an der Gathe darstellt - lässt sich der skandalös anmutende Angriff von über einhundert Uniformierten auf ein schlichtes Konzert überhaupt nicht anders einschätzen, als dass er der Einschüchterung, der Kontrolle und einer Informationsgewinnung der Sicherheitsbehörden dienen sollte. Zumal selbst das Ordnungsamt via Monopolblatt am Montag verkündete, im AZ keine "unhaltbaren Zustände" vorgefunden zu haben.
Die Vorgänge von Freitagnacht reihen sich ein in eine Serie von eskalierender staatlicher und städtischer Autorität, die selbstverwaltete Räume und damit potentielle Keimzellen beginnenden Widerstands im Visier hat.
Nachdem es bereits in der Nacht zu Samstag eine spontane Demonstration von ca. 80 Leuten gegen diese Repressionsstrategie in der Elberfelder Innenstadt gegeben hatte, fand am Montag hierzu eine weitere Kundgebung statt. Am ehemaligen "Brunnen" in der Elberfelder Fussgängerzone, dort, wo vor einem Vierteljahrhundert noch regelmässig Demonstrationen, Punktreffen und viele Auseinandersetzungen stattfanden, und wo auch der Kampf um ein AZ für "das Haus e.V." ein Treibmittel für die jugendliche Rebellion der heute Vierzig- bis Fünfzigjährigen war, versammelten sich am frühen Montagabend etwa 250 Leute, um gegen das nächtliche Vorgehen des Ordnungsamtes und der Polizei zu protestieren. Ein Match auf historischem Geläuf, sozusagen.
Doch der innerstädtisch zentrale "Brunnen" existiert schon lange nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich mittlerweile der Eingangsbereich eines jener neoliberalen Projekte einer "Stadtentwicklung", (die sogenannten "City-Arkaden"), die früher öffentliche Aktionsflächen immer mehr zu privatisierten urbanen Zonen machen, zu denen missliebige Personen, Konsumverweigerer und Randgruppen keinen Zutritt mehr haben.
In diesen sedierten Stadträumen, in denen Einzelhandelskonzerne Hausrecht ausüben und wo Stadtluft schon lange nicht mehr frei macht, kann organisierter Protest kaum legal stattfinden. Er muss sich - anders als vor 25 Jahren - somit an den Rändern des städtischen Alltags artikulieren, wodurch er weitestgehend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit ferngehalten wird, und - bei Bedarf - auch ohne allzu grosse Aufmerksamkeit gezielt zerschlagen werden kann. Auch am Montag wurde in den Nebenstrassen der Fussgängerzone, rund um den Kauftempel, ein massloses Polizeiaufgebot bereitgehalten.



Doch nicht nur der Stadtraum hat sich verändert. Waren in den Achtzigern auch häufig Ältere "am Brunnen" anzutreffen, die für die Dynamik und Stärke der damaligen "Jugendbewegung" eine wichtige Rolle spielten, so lassen jene, die seinerzeit von der Solidarität profitierten, diese heute selbst vermissen. Anstatt sich zu zeigen, und damit zu demonstrieren, dass damals Erreichtes nicht kampflos hergeschenkt wird, nur weil man selber älter geworden ist, werden die zumeist Jugendlichen, die heute das damals erkämpfte Autonome Zentrum wieder verteidigen müssen, mit ihrem Protest weitgehend alleingelassen. Von einzelnen wenigen Ergrauten abgesehen, wurde durch Abwesenheit geglänzt. Was ist los? Zuviel zu verlieren, wie in einem Wortbeitrag durch einen der damals Aktiven vermutet wurde?
Dabei ist ein Ignorieren heutiger Auseinandersetzungen der Jungen durch eine ehemals kämpferische Generation nicht nur persönlich fragwürdig, es ist auch strategisch völlig daneben. Kommende gesellschaftliche Konflikte werden ebensowenig wie früher in Elternbeiräten, Interessenverbänden, Ausschüssen oder anderen Kungelrunden gewonnen werden können, sondern auf der Strasse. Gemeinsam oder gar nicht.


Dennoch war die Demonstration am Montagabend nach den gefühlten und tatsächlichen Rückschlägen der letzten Zeit ein erster kleiner Sieg. Die Kundgebung konnte diesmal nicht wegen fehlender Versammlungsleiter oder nicht erfolgter Anmeldung verhindert werden, was auch einer klugen Orts- und Zeitwahl zuzuschreiben ist, da vor den "City-Arkaden" inzwischen seit Jahren jeden Montag um 1800 Uhr ein tapferes Häuflein angemeldet gegen die Hartz IV-Gesetze protestiert. (Ihnen wäre es zu wünschen, dass sich häufiger mehrere hundert Menschen durch dieses Angebot zur Demonstration animiert fühlen. Ein offenes Mikrophon wird bereitgehalten.)
Auch kam die grossartige Do-it-yourself-Handwagenbeschallung zum richtigen Zeitpunkt, um mit einem schlau vorbereiteten Infotrack die nachhauseeilenden Passanten über den unschönen Anlass des Protestes zu unterrichten, und um die triste Ein-Euro-Wüste, die die Shoppingmalls im öffentlichen Raum hinterlassen haben, musikalisch so zu verschönern, dass sich zwischenzeitlich bis zu 400 Leute dem spontanen Demonstrationszug quer durch die Elberfelder City anschlossen. Begleitet von Einsatzkräften, die immer mal wieder ihre Formationsfähigkeiten unter Beweis stellen mussten, erreichte die Menge gegen 2000 Uhr unbehelligt das Autonome Zentrum an der Gathe. Angesichts der enormen Friedfertigkeit des Ganzen, so blieben auf dem Weg liegende Banken, am Fahrbahnrand geparkte Porsches und andere umzingelte Luxuskarossen völlig unbeschädigt, muss das Aufgebot der Staatsmacht übrgens als paranoid bezeichnet werden.



Der Montagabend war eine - für lokale Verhältnisse - recht grosse, starke Demonstration dafür, dass noch was geht in der Stadt. Es war also ein Anfang. Auch, weil sich auf der Strecke dann doch noch ein paar "aus dem Action-Alter Hinausgewachsene" fanden, die ein Stück mitgingen.
Um in den Auseinandersetzungen der Zukunft bestehen zu können, und um reale Angriffsfähigkeiten zurückzuerlangen, muss diese Basis jedoch strategisch vergrössert werden. Die nächste Gelegenheit dazu kommt spätestens in sechs Wochen am 1. Mai.
Artikel zur Razzia im AZ bei Indymedia
Artikel zur Demonstration bei Indymedia
Bei Gastronomie-Kontrollen, die mal der Lebensmittelüberwachung, mal einer Überprüfung der Arbeitsverhältnisse oder eben auch dem Jugendschutz dienen sollen, fordert das kommunale Ordnungsamt gerne polizeiliche Mittel zur Unterstützung an, sobald es um unübersichtlichere Szenegastronomie geht. Das Auftreten der Einsatzkräfte bei der Durchführung dieser Kontrollen lässt beim Beobachter jedoch zuoft den Eindruck entstehen, dass hier unter dem Deckmantel eines "Gesundheits-" oder auch "Jugendschutzes" eigentlich Ausländer- und Sicherheitsbehörden agieren - dass tatsächlich also das kommunale Ordnungsamt zur Amtshilfe gebeten wird, und nicht umgekehrt. Seine Rolle ist häufig, die Jagd auf illegal lebende Küchenhilfen und kleine Dazuverdiener mit triumphal erbeuteten Küchenresten möglichst öffentlichkeitswirksam zu kaschieren. Auf diese Weise kann notfalls eine - gelegentlich aufkommende - Solidarität gerade anwesender Gäste mit den überprüften Aushilfen durch eklige Berichte über skandalöse Funde auf dem Küchenboden konterkarriert werden - und hilft das nicht, stehen schliesslich noch immer die uniformierten Amtshelfer drohend in der Szene.
Reicht den Ordnungsamts-Kontrolleuren bei "normalen" Kontrollbesuchen in der Regel jedoch die Anwesenheit von 8 - 10 Polizisten aus, so mussten es bei der "Jugendschutz-Kontrolle" des AZ in der Freitagnacht 140 Bereitschaftspolizisten aus W-Tal, Bochum und Essen sein, zuzüglich diverser Feuerwehrleute und einiger Zollbeamter, die in dem selbstverwalteten Haus skurrilerweise angeblich nach Schwarzarbeitern suchten. Die Aktion endete mit der vorhersehbaren Räumung des AZ, der Ingewahrsamnahme von 5 Minderjährigen - (von ca. 150 Anwesenden) - einer sehr fadenscheinig begründeten Beschlagnahme von Notebooks, Getränkevorräten und des grossen Mischpults, sowie vielfältiger Beschädigung von Inventar.
Im zeitlichen Umfeld eines näherrückenden 1. Mai, einer europaweiten Mobilisierung gegen den bevorstehenden NATO-Gipfel in Strasbourg, aber auch eines im nächsten Jahr auslaufenden Nutzungsvertrages für das AZ - dessen blosse Existenz ein Hindernis für die neoliberale Vermarktung des ehemaligen Tankstellengeländes an der Gathe darstellt - lässt sich der skandalös anmutende Angriff von über einhundert Uniformierten auf ein schlichtes Konzert überhaupt nicht anders einschätzen, als dass er der Einschüchterung, der Kontrolle und einer Informationsgewinnung der Sicherheitsbehörden dienen sollte. Zumal selbst das Ordnungsamt via Monopolblatt am Montag verkündete, im AZ keine "unhaltbaren Zustände" vorgefunden zu haben.
Die Vorgänge von Freitagnacht reihen sich ein in eine Serie von eskalierender staatlicher und städtischer Autorität, die selbstverwaltete Räume und damit potentielle Keimzellen beginnenden Widerstands im Visier hat.
Nachdem es bereits in der Nacht zu Samstag eine spontane Demonstration von ca. 80 Leuten gegen diese Repressionsstrategie in der Elberfelder Innenstadt gegeben hatte, fand am Montag hierzu eine weitere Kundgebung statt. Am ehemaligen "Brunnen" in der Elberfelder Fussgängerzone, dort, wo vor einem Vierteljahrhundert noch regelmässig Demonstrationen, Punktreffen und viele Auseinandersetzungen stattfanden, und wo auch der Kampf um ein AZ für "das Haus e.V." ein Treibmittel für die jugendliche Rebellion der heute Vierzig- bis Fünfzigjährigen war, versammelten sich am frühen Montagabend etwa 250 Leute, um gegen das nächtliche Vorgehen des Ordnungsamtes und der Polizei zu protestieren. Ein Match auf historischem Geläuf, sozusagen.
Doch der innerstädtisch zentrale "Brunnen" existiert schon lange nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich mittlerweile der Eingangsbereich eines jener neoliberalen Projekte einer "Stadtentwicklung", (die sogenannten "City-Arkaden"), die früher öffentliche Aktionsflächen immer mehr zu privatisierten urbanen Zonen machen, zu denen missliebige Personen, Konsumverweigerer und Randgruppen keinen Zutritt mehr haben.
In diesen sedierten Stadträumen, in denen Einzelhandelskonzerne Hausrecht ausüben und wo Stadtluft schon lange nicht mehr frei macht, kann organisierter Protest kaum legal stattfinden. Er muss sich - anders als vor 25 Jahren - somit an den Rändern des städtischen Alltags artikulieren, wodurch er weitestgehend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit ferngehalten wird, und - bei Bedarf - auch ohne allzu grosse Aufmerksamkeit gezielt zerschlagen werden kann. Auch am Montag wurde in den Nebenstrassen der Fussgängerzone, rund um den Kauftempel, ein massloses Polizeiaufgebot bereitgehalten.



Doch nicht nur der Stadtraum hat sich verändert. Waren in den Achtzigern auch häufig Ältere "am Brunnen" anzutreffen, die für die Dynamik und Stärke der damaligen "Jugendbewegung" eine wichtige Rolle spielten, so lassen jene, die seinerzeit von der Solidarität profitierten, diese heute selbst vermissen. Anstatt sich zu zeigen, und damit zu demonstrieren, dass damals Erreichtes nicht kampflos hergeschenkt wird, nur weil man selber älter geworden ist, werden die zumeist Jugendlichen, die heute das damals erkämpfte Autonome Zentrum wieder verteidigen müssen, mit ihrem Protest weitgehend alleingelassen. Von einzelnen wenigen Ergrauten abgesehen, wurde durch Abwesenheit geglänzt. Was ist los? Zuviel zu verlieren, wie in einem Wortbeitrag durch einen der damals Aktiven vermutet wurde?
Dabei ist ein Ignorieren heutiger Auseinandersetzungen der Jungen durch eine ehemals kämpferische Generation nicht nur persönlich fragwürdig, es ist auch strategisch völlig daneben. Kommende gesellschaftliche Konflikte werden ebensowenig wie früher in Elternbeiräten, Interessenverbänden, Ausschüssen oder anderen Kungelrunden gewonnen werden können, sondern auf der Strasse. Gemeinsam oder gar nicht.


Dennoch war die Demonstration am Montagabend nach den gefühlten und tatsächlichen Rückschlägen der letzten Zeit ein erster kleiner Sieg. Die Kundgebung konnte diesmal nicht wegen fehlender Versammlungsleiter oder nicht erfolgter Anmeldung verhindert werden, was auch einer klugen Orts- und Zeitwahl zuzuschreiben ist, da vor den "City-Arkaden" inzwischen seit Jahren jeden Montag um 1800 Uhr ein tapferes Häuflein angemeldet gegen die Hartz IV-Gesetze protestiert. (Ihnen wäre es zu wünschen, dass sich häufiger mehrere hundert Menschen durch dieses Angebot zur Demonstration animiert fühlen. Ein offenes Mikrophon wird bereitgehalten.)
Auch kam die grossartige Do-it-yourself-Handwagenbeschallung zum richtigen Zeitpunkt, um mit einem schlau vorbereiteten Infotrack die nachhauseeilenden Passanten über den unschönen Anlass des Protestes zu unterrichten, und um die triste Ein-Euro-Wüste, die die Shoppingmalls im öffentlichen Raum hinterlassen haben, musikalisch so zu verschönern, dass sich zwischenzeitlich bis zu 400 Leute dem spontanen Demonstrationszug quer durch die Elberfelder City anschlossen. Begleitet von Einsatzkräften, die immer mal wieder ihre Formationsfähigkeiten unter Beweis stellen mussten, erreichte die Menge gegen 2000 Uhr unbehelligt das Autonome Zentrum an der Gathe. Angesichts der enormen Friedfertigkeit des Ganzen, so blieben auf dem Weg liegende Banken, am Fahrbahnrand geparkte Porsches und andere umzingelte Luxuskarossen völlig unbeschädigt, muss das Aufgebot der Staatsmacht übrgens als paranoid bezeichnet werden.



Der Montagabend war eine - für lokale Verhältnisse - recht grosse, starke Demonstration dafür, dass noch was geht in der Stadt. Es war also ein Anfang. Auch, weil sich auf der Strecke dann doch noch ein paar "aus dem Action-Alter Hinausgewachsene" fanden, die ein Stück mitgingen.
Um in den Auseinandersetzungen der Zukunft bestehen zu können, und um reale Angriffsfähigkeiten zurückzuerlangen, muss diese Basis jedoch strategisch vergrössert werden. Die nächste Gelegenheit dazu kommt spätestens in sechs Wochen am 1. Mai.
Artikel zur Razzia im AZ bei Indymedia
Artikel zur Demonstration bei Indymedia
Link des Artikels: http://um3000.twoday.net/stories/5593190/
Rubrik: 02 - PLAN & AKTIVISMUS
1 Kommentar
der graue block - 2009/03/19 12:15
An die schwarzen und grauen Blöcke und andere Versenker
"Anstatt sich zu zeigen, und damit zu demonstrieren, dass damals Erreichtes nicht kampflos hergeschenkt wird, nur weil man selber älter geworden ist, werden die zumeist Jugendlichen, die heute das damals erkämpfte Zentrum wieder verteidigen müssen, mit ihrem Protest weitgehend alleingelassen.Von einzelnen wenigen Ergrauten abgesehen, wurde durch Abwesenheit geglänzt. Was ist los? Zuviel zu verlieren, wie in einem Wortbeitrag durch einen der damals Aktiven vermutet wurde?"
Sowohl der Blick in den Spiegel als auch der ins autobiografische Gedächtnis gab mir ein eindeutiges Signal: hiermit bist auch du gemeint! Da will einer wissen, was mit mir los ist. Oder zumindest, warum ich mich nicht auf Demos blicken lasse.
Soviel zum Hintergrund: ich habe so ungefähr 11,12 Jahre lang zur militanten linken Szene gehört. Hausbesetzungen, Kleingruppenaktionen, unzählige Debatten, Kampagnen, Demos-das volle Programm. Widerstand war das wichtigste in meinem Leben. Anfang der Neunziger war für mich Schluss. Nicht, weil ich aufgehört hätte mir solidarische und herrschaftsfreie gesellschaftliche Verhältnisse zu wünschen, nicht weil ich gedacht hätte, dass sich die staatliche Politik zum Positiven gewendet hätte und auch nicht, weil mir plötzlich das Schicksal der in Armut lebenden Menschen in der Welt egal gewesen wäre. Die Gründe, die mich zum Widerstand gebracht haben, waren alle noch da. Was aber aufgebraucht war: meine eigene Zuversicht, daran etwas ändern zu können. Genau wie viele meiner Freundinnen und Freunde fühlte ich mich ausgebrannt. Dazu kam das Gefühl, dass unsere gesamte Herangehensweise, unsere Aktionsformen, unsere Sprache, unsere Art zu denken keine Dynamik mehr entfalten und andere Menschen nicht mehr erreichen und motivieren konnten. Meine Konsequenz war, mir eine Denkpause zu verordnen beziehungsweise zu gönnen. Leider bin ich damit immer noch nicht fertig. Tja, wie die Zeit vergeht.
Doch auch wenn mir selbst die Ideen ausgegangen sind: die Hoffnung, dass irgendwann von irgendwo neue Impulse kommen, habe ich nie verloren. Das, was von den übrig gebliebenen Autonomen und anderen aus der radikalen Linken kam, hab ich aus der Distanz im Blick behalten. Immer wieder in mich hineingefühlt, ob es da was gibt, was mich anspricht oder mobilisiert. Leider wurde die Distanz immer größer, und über die Gründe möchte ich hier sprechen.
"Angreifbare Traditionspflege" kann man gelegentlich auf euren Plakaten lesen. Was ich mir wünschen würde: dass ihr auch eure eigenen Traditionen mal auf den Prüfstand packt. Da ja einige von euch nach wie vor zu meinem weiteren Bekanntenkreis zählen, weiß ich, dass für viele von euch schon bei der Silvesterfeier die Saison durchgeplant ist wie bei einem Fußballprofi. Der 1. Mai, die Fahrt nach Mittenwald, die Sommer-Camps, die Gipfel vor dem xten Tag X noch schnell die jährliche Pflichtdemo am Abschiebeknast usw. und so fort. Für eine gründliche Reflektion bleibt da kaum Zeit. Bei manchen noch nicht einmal für Freunde und Familie. Versteht mich nicht falsch: natürlich haben alle diese Initiativen ihre moralische Berechtigung, trotzdem bleibt bei mir der Eindruck: hier werden Rituale abgefeiert. Es geht gar nicht mehr darum, eine politische Wirkung in die Breite zu entfalten, sondern in erster Linie um das Gefühl beharrlich und auf der richtigen Seite zu sein. Nach meinem Eindruck, also mit etwas Distanz, ergibt sich das Bild einer Gruppierung, die seit Jahren auf der Stelle tritt, sich aber nicht daran stört.
Vielleicht ist mein Eindruck ja falsch. Was mich aber wirklich aufgeregt hat, war die Geschichte um den NRW Tag. Von Anfang an. Schon die Bestimmung als Rachefeldzug für die Polizeigewalt bei der 1. Mai Demo fand und finde ich völlig daneben. Und dann diese großmaulligen Ankündigungen (" die herrschenden können sich den NRW Tag in der Pfeife rauchen"). Die weitergehenden politischen Bestimmungen ("neoliberales Marketingsspektakel ") wirkten dann nur noch aufgesetzt und waren es wohl auch. Für eine politische Kampagne in diesem Sinne war es nämlich schon viel zu spät. Jeder, der nur ansatzweise ein Ohr an der gesellschaftlichen Entwicklung hier in der Stadt hatte, konnte wissen, dass zu diesem Zeitpunkt bereits seit Monaten hunderte Vereine, Kirchengemeinden, kulturelle Initiativen etc. etc. sich für eine Teilnahme an den NRW Tag entschieden hatten und mitten in den Vorbereitungen steckten. Das Ergebnis war vorhersehbar: Nicht der NRW Tag, sondern ihr seid in der Versenkung verschwunden. Soviel zum traurigen Teil der Geschichte.
Ich war aber nicht traurig, sondern in erster Linie wütend. Der Grund ist eure Versenkungsmetaphorik und die Anspielung auf die Zerstörung der Möhnetalsperre ("remember Möhne"). Offensichtlich für euch ein Vorbild für eine erfolgreiche "Versenkungsaktion ". Was kommt dabei heraus, wenn man sich wie von euch aufgefordert an die "Möhne" erinnert? Laut Wikipedia kamen bei diesem Angriff der britischen Luftwaffe im Mai 1943 durch die von der Zerstörung der Staumauer verursachte Flutwelle circa 1500 Menschen ums Leben. Die meisten von ihnen waren Kriegsgefangene der Nazis aus einem Lager direkt unterhalb der Talsperre. Es war genau die Phase und Form der alliierten Kriegsführung gegen die Nazis, die Tausende von Toten in der Zivilbevölkerung nicht nur einkalkuliert, sondern als Zermürbung beabsichtigt hat. In Wuppertal kam diese Kriegsführung zwei Wochen nach der Möhne an - in Form von mehreren 1000 Tonnen Brandbomben, Tausenden von Toten, einer völlig zerstörten Stadt mit 200.000 Obdachlosen. Es leben nach wie vor viele alte Menschen in Wuppertal die das alles "remembern". Die wenigsten von denen waren aktive Nazis, sondern Kinder und Jugendliche. (Die heute 80 jährigen waren damals 15). Ich kenne alte Menschen, die die Bombenangriffe als Kind erlebt haben und bis heute Albträume deswegen haben. Es geht mir nicht um die Frage, ob diese Form der Kriegsführung im Sinne einer möglichst schnellen Beendigung der Herrschaft der Nazis notwendig gewesen ist oder nicht. Dass ihr aber diese Geschichte als Folie für eure albernen und pubertären Droh-Szenarien im Rahmen einer "Spaßaktion " nutzt - ich kann es bis heute nicht fassen.
Die meisten Leute haben ja den Hintergrund der "Staudamm "und" Möhne" Andeutungen gar nicht verstanden - zu eurem Glück, die ganze Geschichte war ja auch so schon peinlich genug. Mir ist völlig schleierhaft, wie so etwas in eure Köpfe und dann noch auf ein massenhaft verteiltes Faltblatt kommen kann. Ich frage mich, ob es einfach historische Ignoranz ist, oder-schlimmer-ihr nach alter stalinistischer Manier der Meinung seit, Massenmord bzw. das kokketieren damit geht schon in Ordnung wenn es dem richtigen politischen Ziel dient. Oder habt Ihr euch von irgendwelchen antideutschen Spinnern ins Gehirn scheißen lassen? Leider habe ich nicht mitgekriegt, dass es zu dem ganzen NRW Tag Komplex irgend eine kritische Reflexion von euch gegeben hätte-auf der von euch publizierten Website war jedenfalls nichts zu finden (bis heute nicht). Vielleicht äußert sich ja der eine oder die andere dazu.
Oh, ich merke, ich komme vom Thema ab. Die Frage war ja, was ist mit mir los und nicht: was ist mit euch los. Nun gut: ich lese Zeitung und finde täglich Dutzende von Fakten, die nach politischer Aktivität und Widerstand rufen. Leider hat sich an meiner spezifischen Müdigkeit und Ahnungslosigkeit in Bezug auf Sprache und Ausdrucksformen für Widerstand nicht viel geändert. Und, ehrlich gesagt, auch in Bezug darauf, wie eine freie und nach-kapitalistische Gesellschaft zu organisieren ist, habe ich heute mehr Fragen als früher. Nichtsdestotrotz wünsche ich mir eine Auseinandersetzung darüber. Und da, lieber grauer Block, bin ich grundsätzlich anderer Meinung als du: die Auseinandersetzungen, die jetzt wichtig sind, finden nicht auf der Straße statt, sondern in den Köpfen und Herzen, bei den Diskussionen in Wohnzimmern, Kneipen, Zentren oder wo auch immer.
Beim Lesen eurer Einladung zur 35 Jahr Feier hatte ich den Eindruck, dass ihr das Ganze als eine Erfolgsgeschichte begreift und-so schreibt ihr ja auch - wollt, dass es noch 1000 Jahre so weiter geht. Für mich bestätigt das einen Eindruck, den ich schon länger hege: dass es euch gar nicht mehr um eine grundsätzliche Veränderung der Gesellschaft geht. Sondern darum, eine bestimmte Subkultur am Leben zu erhalten, in der ihr euch immer in dem Gefühl des "radikal und anders sein" sonnen und euch gegenseitig für eure Standhaftigkeit auf die Schultern klopfen könnt. Begleitet von etwas aufmüpfiger Folklore.
Meine Sache ist das nicht. Und zum Feiern ist mir auch nicht zu Mute. Aber das kann man natürlich anders sehen. Natürlich ist es richtig, sich an die guten Dinge zu erinnern. Das tue ich auch gerne. Aber mir fallen auch immer wieder sehr viele traurige Geschichten ein. Und die Fragen, die ich in Bezug auf unsere Geschichte im Kopf habe, sind völlig andere als die, die ihr in eurer Einladung formuliert habt.
Im Moment bleibt mir in Bezug auf euch nur die Hoffnung, dass dann - früher oder später wird es passieren - wenn es wieder brodelt, wenn sich in irgendeiner Ecke der Gesellschaft ein neuer, radikaler und produktiver Widerstand entwickelt, dass ihr bis dahin eine Fähigkeit zur Selbstreflexion entwickelt habt und nicht mit der euch häufig umgebenden "wir wussten es schon immer und sind sowieso viel radikaler "-Attitüde nervt und blockiert. In diesem Sinne: frohes Fest.
Karl Krauskopp