UMLOG: 03 - LÜGEN & WAHN
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03 - LÜGEN & WAHN

Donnerstag, 1. Oktober 2009

MATSCHIE. WENN EIN NAME PROGRAMM IST

Da sitzt er gerade. Der Matschie. Und gibt den wirren Zwilling dieses Skihasen-Maniacs Dieter Althaus, der vor Kurzem den Amts-Jojo machte. Dieser Matschie sitzt also in seiner Pressekonferenz und erklärt bei PHOENIX, warum eine Koalition mit der CDU in Thüringen die meisten sozialdemokratischen Inhalte wird durchsetzen können. Zuvor hat er gesagt, dass die Verhandlungen mit der LINKEN daran gescheitert seien, dass diese sich nicht auf den einfachen Satz "Die SPD stellt den Ministerpräsidenten" festlegen lassen wolle. Kein Wunder. Seit wann stellen Splitterparteien den Regierungschef? Die CDU wird ihn dann ja wohl jetzt wählen, oder? Dieser Matschie. Einfach köstlich.

Die Spezialdemokraten machen einfach weiter wie bisher. Denen ist wirklich nicht mehr zu helfen. Die stehen doch in Wahrheit alle auf der Payroll der TITANIC. Für die LINKE ist das gut. Sehr gut sogar. Vielleicht schade für das Bundesland Thüringen - gut für die Glaubwürdigkeit der Partei. Wie sollte schliesslich mit einem völlig durchgeknallten Matschie an der Seite etwas Gutes herauskommen können?

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Mittwoch, 30. September 2009

AGENDA 2010 ERFOLGREICH

Es ist vollbracht. Der grösste Raubzug der Geschichte steht vor seinem Abschluss, sein letztes Kapitel wird geschrieben. Pünktlich, wenige Monate vor dem Jahreswechsel, hat es geklappt. Die Mission "Agenda 2010", mit der die neoliberale Clique die vollständige Plünderung des Volksvermögens durch die Reichen und die Begleichung der daraus entstehenden Schulden durch die Armen vorbereitet hat, kann jetzt durch die Klassenhass zum Programm machende Büttelpartei FDP und die Konservativen, bei denen einige für ihren abgewetzten Schafspelz schonmal Platz im Kleiderschrank geschaffen haben, rechtzeitig in eine "Agenda 2020" überführt werden - offen ist dabei noch, welches kapitalistische Role-Model sie für den griffigen Claim ihrer "Reformen" diesmal wählen. (Wie wäre es nach dem vorbestraften Peter Hartz mit "Zumwinkel V"?) Ihr Komplize der letzten elf Jahre, die SPD, wurde geschreddert, nachdem diese bei drei Wahlen seit 1998 einen Grossteil ihrer Wähler verraten, den Sozialstaat geschliffen, die Privatisierung öffentlicher Aufgaben vorangetrieben und Deutschland wieder in weltweite Kriege geführt hat.

Der letzte Dienst der Spezialdemokraten an der herrschenden Klasse bestand 30 Minuten nach Bekanntgabe des schlimmsten SPD-Wahlergebnisses seit Aufhebung der Sozialistengesetze 1890 darin, mit Frank-Walter Steinmeier ausgerechnet denjenigen, der die "Agenda 2010" ausgeheckt hatte, via Selbsternennung im TV zum Fraktionschef zu machen, bevor sich eine gefühlte "Volksfront" der Oppositionsparteien überhaupt hätte sortieren können. Nachdem auch dies seit Dienstag ohne grosses Federlesen vollbracht ist, wird sich die Partei in den Orkus der Geschichte verabschieden können. Den an Realsatire grenzenden Satz ihres neuen Fraktionsvorsitzenden, eine Opposition müsse "Tag und Nacht" bereit sein "jederzeit die Regierung zu übernehmen", wird die SPD gleich wieder vergessen können. Sie wird nicht mehr gebraucht, ihre - historische - Rolle als Exekutor gesellschaftlich eigentlich nicht durchsetzbarer Grausamkeiten ist erfüllt. Jetzt fahren die Aktionäre, Ärzte und Anwälte, Unternehmer, Militaristen, Bankster und Spekulanten die Ernte dessen ein, was ihre IM's in der SPD-Zentrale in den letzten Jahren gesät haben. Mit Frohsinn verabschieden sie ihre Erfüllungsgehilfen in die Bedeutungslosigkeit, und manche ihrer Speichellecker in den Redaktionen erdreisten sich sogar, den Trümmern der Sozialdemokratie nun - (natürlich erst nach der Wahl) - eine Lektion zu ihrer einzigen Machtperspektive - der linken - hinterherzurufen. So tritt man dem Mohr in die Eier. So wird das gemacht. So fühlt sich Triumph an.

Sollten die anderen - die, denen man (spätestens) nach den NRW-Wahlen im Mai nächsten Jahres, von ihren wenigen Kröten noch ein paar mehr wird wegnehmen müssen, um die verheerenden Schulden zu bezahlen, die für die, die ihre Beute längst weggeschleppt haben, gemacht werden mussten - sich darüber beschweren, wird man ihnen die demokratische Legitimation unter die Nase reiben, die solchem Handeln am Wahlsonntag vorgeblich verschafft wurde. In der Tat erschüttert die Blindheit, mit der viele Wähler die treudoofen Kälber gegeben haben, die ihre Schlächter selber wählen. Doch nur auf den ersten Blick.

Mit Wählerbashing verstellt man nur den scharfen Blick auf den Masterplan, mit dem Manipulationsbüros wie die "Initiative neue soziale Marktwirtschaft" (INSM), neoliberal gesteuerte Medien - private, wie öffentlich-rechtliche - und die Wirtschaft samt ihrer Institute seit vielen Jahren die jetzt entstandene Situation vorbereitet haben. Und weder das Ergebnis der FDP, noch jenes der Union können bei genauerer Betrachtung wirklich verwundern.

Dass es in der BRD 15 Prozent asoziale Arschlöcher gibt, die aus einer vermeintlichen Gewinnerposition heraus ein sozialdarwinistisches Gesellschaftsmodell verinnerlicht haben, ist schliesslich keine Überraschung - nicht umsonst müssten nach einem irgendwann erfolgten Systemwechsel Kapazitäten zur Umerziehung und wohl auch einige Laternen für schnellere Massnahmen bereitgehalten werden. Und dass 25 Prozent der am Sonntag Wahlberechtigten darauf hoffen, mit einem schicksalsergebenen Voting für die C-Parteien auf der Siegerseite einigermassen glimpflich davonzukommen, scheint, angesichts jeder fehlenden wirklichen Machtalternative, auch verständlich - zumal sie einer Frau wie Merkel offenbar keine echten Grausamkeiten zutrauen.

Nein - die Wähler sind nicht wirklich blöd, sieht man einmal von den in selbstgeschaffener und geschwätziger Wichtigkeit erblindeten Wählern der "Piratenpartei" ab, die, verschanzt hinter ihren Notebooks - den modernen Brettern vor dem Kopf - nichtmal erkannten, dass ihre bedeutungsschwere "Yeah!"-Kampagne nur deshalb medial gepusht wurde, weil ihre zwei Prozent der Machtübernahme durch die Arschlöcher hätten entgegenstehen können. (Es hätte auch so gereicht, aber nur sehr knapp. Und das konnte man ja auch nicht wissen. Aber zum Kindergarten der "Piratenpartei" braucht es ohnehin noch einen eigenen Artikel. In den nächsten Tagen. Vielleicht.)

Selbst die neue Rekordzahl der Nichtwähler, immerhin fast jeder Dritte - keine Partei erreichte am Sonntag einen solchen Wert - kann nicht einfach mit Ignoranz oder schlichter Politikverdrossenheit erklärt werden. Warum fragt niemand danach, ob die hohe Zahl ehemaliger SPD-Wähler, die diesmal daheim geblieben sind, nicht auch etwas mit einem Wissen darum zu tun haben könnte, dass sich ihre gewählten Vertreter mit zunehmenden Privatisierungen öffentlicher Aufgaben selbst überflüssig gemacht haben? Einem Sozi, der seine Abgeordneten wählt, geht es eben auch darum, durch diesen Einfluss auf wesentliche Entscheidungen die Umstände seines konkreten Lebens betreffen, nehmen zu können. Wenn Verkehrs- und Energiesysteme, Gesundheitswesen, Wohnungsbau, Bildung und andere zentrale Aufgaben des sogenannten "Gemeinwesens" jedoch planmässig in die Verfügungsgewalt profitorientierter Privatunternehmen übergeben werden, wozu dann noch wählen? Wenn in einem Wahlkreis wie in Wuppertal-Elberfeld - in dem eine Nachwahl zur Kommunalwahl von August 2009 notwendig geworden war - die Beteiligung an dieser Nachwahl zehn Prozent unter jener der gleichzeitig stattfindenden Bundestagswahl liegt, (62 zu 51 %), dann zeugt das eben nicht von Ignoranz oder Bequemlichkeit, sondern von Differenzierung. In einer Stadt wie Wuppertal, deren Haushalt gesperrt ist, hat Kommunalpolitik bereits keine Gestaltungsspielräume mehr. Da kann man sich diesen Wahlvorgang auch einsparen - auch wenn man schonmal im Wahllokal ist und den Zettel in Händen hält.

Wählen werden zukünftig hauptsächlich die, die über verschiedene Wege zur Steigerung des Shareholder-Value abstimmen - während sich die anderen verweigern. Auch die LINKE, deren erwartetetes Wahlergebnis von fast 12 Prozent für eine Art Genugtuung am Sonntagabend sorgen konnte, wird nur unter bestimmten Umständen in der Lage sein, das aufzufangen. Nur wenn die Partei nicht vergisst, dass echte Veränderungen nie in Parlamenten, sondern auf den Strassen, in den Wohnquartieren und Betrieben erreichbar sind, wird sie ihre Position halten oder sogar ausbauen, und die weiter zunehmende Frustration der Bevölkerung in ein kämpferisches Bewusstsein verwandeln können. Doch darauf deutet wenig hin - eher ist schon jetzt tendenziell zu erkennen, dass sich die LINKE im Parlamentarismus verliert, auf Wahlprozente starrt und ansonsten darauf wartet, sich mit einer unbestimmt anderen SPD versöhnen zu können. Und dass ihre sechzehn direkt gewählten Abgeordneten des nächsten Bundestages in der Partei eher dem "Realo"-Flügel als einer echten Linken zugerechnet werden müssen, macht die politische Aufgabe, die sich der Partei stellt, nicht leichter.

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Mittwoch, 16. September 2009

BERND DAS BROT, HOMER SIMPSON, LAFONTAINE

Welche Wahl? War da was? Müdigkeit und Langeweile aller Orten. Das (nicht) wählende Volk ist überdrüssig. Es interessiert sich nicht. Oder doch? Oskar Lafontaine zeigt in Wuppertal, dass das nicht stimmt.

Letzten Sonntagabend schalteten im Schnitt 30% weniger Zuschauer als noch 2005 einen der vier Kartellsender ein, um das vorgebliche "Duell" zweier "eigenartig geklonter Marionetten" (Claus Peymann) zu verfolgen, das doch der Höhepunkt der medialen Inszenierungen zur Bundestagswahl am 27. September hätte sein sollen.

Insgesamt nur knapp 14 Millionen potentielle Wähler wollten sehen, was die beiden Kandidaten nicht zu sagen hatten. Während die öffentlich-rechtlichen Sender hiervon noch den Löwenanteil abstaubten - in der Hauptsache wohl Leute, die zunächst vergeblich auf den "Tatort" oder das neue "Uta Danella-Epos" hofften, und dann, bevor sie umschalten konnten, wahrscheinlich schon eingeschläfert waren - verzeichneten die am "Wahlduell" beteiligten "Unterschichtensender" - RTL und SAT 1 - nur desaströses Desinteresse. In der von ihnen bedienten Zielgruppe gab es zwei Wochen vor der Wahl nur einen ganz eindeutigen Gewinner des Sonntags: Homer Simpson bei Pro 7. Eine geschmackssichere Wahl der Unterschicht, auch wenn sich der SPD-Kandidat Frank Walter Steinmeier stetig bemüht, an "Bernd das Brot" zu erinnern.

Sieger des TV-Duells

Kein Wort dazu jedoch von den veranstaltenden Sendeanstalten. Weder die zunehmend einer ZDF-Vorabendserien-Journalistendarstellerin ähnelnde Anne Will, noch der sich in selbstdefinierter Bedeutung verlierende "Graf Zahl" der Sesamstrasse, ähh - ARD, Jörg Schönenbohm, gingen auf das "Is'-mir-doch-egal"-Quotenvotum des eifrig besendeten Wahlvolks ein. Und auch sonst bieten die traurigen Gestalten der sogenannten "vierten Gewalt" in der BRD wenig zu den wirklichen Fragen politischer Entscheidungen - lieber vergrössern sie wortreich und beflissen das dargebotene Nichts. Wie beim beinahe allabendlichen "Wahl-Watching" im Zweiten - (welcher Praktikant durfte sich diesen selten dämlichen Trailer-Claim eigentlich ausdenken?) - oder bei den seriellen "Analysen" INSM-gesponsorter Stichwortgeber des Kapitals vieler anderer Sonderausstrahlungen zur "Schicksalswahl 2009".

Politik scheint diesen Sommer - der doch politische Probleme aufwirft, wohin man guckt - nur noch aus uninteressanten rhetorischen Fragen zu bestehen, deren Antworten niemand hören will, und die deswegen auch gar nicht gegeben werden. "Wie führen wir das Land aus der grossen Krise?", "Wie können wir alle gemeinsam stärken?", "Wie lösen wir die grossen Probleme?" fragt die Regierende in die Runde. "Ja, wie denn?" will man ihr zurufen. Niemand tut es. Konnte der inzwischen zum Gaslobbyisten gewordene "Acker" Schröder beim letzten Mal, wenn schon nicht intellektuell, so doch wenigstens vom Unterhaltungswert an einen Homer Simpson heranreichen, wendet sich das Publikum bei Steinmeier und oder Merkel nur noch genervt bis gestört ab. Dafür wird es dann gerne als "politikverdrossen" beschimpft.

Doch anders, als Spin-Doktoren und mediale Schergen der regierenden Junta behaupten, sind die Menschen durchaus an politischen Inhalten interessiert. Wenn es denn welche gibt.

Das liess sich am Freitag vor dem "TV-Duell" in Wuppertal beobachten. Die LINKE hatte an jenem Tag mit Oskar Lafontaine ihren Popstar aufgeboten, auf dem zentralen Elberfelder Willy-Brandt-Platz aus einer verbreiteten Agonie Wahlunterstützung für die einzige Oppositionspartei zu machen. Und tatsächlich konnte Lafontaine zwischen 1.000 und 1.200 Zuhörer motivieren, trotz schönen Wetters zu einer Wahlrede zu kommen - obwohl es kein Freibier gab. Mehr noch: Die, die gekommen waren, hörten dem halben Parteivorsitzenden der aus Ost-PDS und West-WASG in nur wenigen Jahren zusammengeschusterten Organisation eine Stunde lang sehr aufmerksam und hochkonzentriert zu.

Sieger des TV-Duells

Dabei redete das zum Abschuss freigegebene Schreckgespenst der bürgerlichen Klasse durchaus anspruchsvoll über Grundbedingungen einer echten Demokratie, Funktionsweisen jenes neoliberalen Systems, das stattdessen in der BRD etabliert ist, mediale Verfügungsgewalt in diesem Land und fehlende Redaktionsstatuten. Die Forderungen seiner Partei, die mehr Demokratie, unabhängige Abgeordnete, die nicht auf der Payroll von Konzernen stehen, Umverteilung des Reichtums Weniger zugunsten Vieler, gesellschaftliche Kontrolle des Banksystems, belegschaftsbestimmte Betriebe und - wenige Tage nach dem Massaker von Kundus - natürlich auch einen sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan umfassen, wurden in den freien Vortrag eingebunden ohne allzu populistisch und demagogisch formuliert zu sein. Diese zwei Attribute - ohne die beinahe keine Erwähnung des Namens Oskar Lafontaines in den bürgerlichen Medien auskommt - verbinden sich scheinbar nur in den Köpfen jener, die viel zu viel zu verlieren haben mit Forderungen nach einer vernünftigen Alterssicherung aller oder bezahlbarer medizinischer Versorgung für alle Menschen.

Das Publikum, das anders als von der Westdeutschen Zeitung am nächsten Tag berichtet, absolut nicht nur aus "Gleichgesinnten", sondern aus einem breiten Spektrum bestand - viele Ältere, aber auch viele Jüngere, viele Migranten und Migrantinnen, radikale Linke, aber auch noch aktive SPDler - war dankbar für sechzig Minuten Inhalt. Selbst zunächst skeptische Zuhörer applaudierten am Ende der Rede lang anhaltend, wie sogar die WZ zugestehen musste.

Überhaupt: Unser kleiner lokaler Tageszeitungsmonopolist, der schon im abgelaufenen Kommunalwahlkampf über die LINKE kaum berichtet hat. Wie zur Bestätigung der Thesen Oskar Lafontaines von der Medienmacht weniger Familien und Konzerne in Deutschland, fiel die Berichterstattung zur Veranstaltung der LINKEN dürftig und diffamierend aus. Von Inhalten kein Wort, stattdessen Oskar Lafontaine als "politischer Unterhalter", dem zur Erreichung seiner Ziele auch "weniger demokratische Mittel legitim" sind. Inwieweit die WZ damit einem Land wie Frankreich schlicht die Demokratie abspricht - wo es den gemeinten, geforderten Generalstreik als politisches Mittel gibt - geht aus dem Artikel leider nicht hervor. Dafür fand sich wohl kein Platz - der musste schliesslich genutzt werden, um auch noch den kümmerlichen Auftritt der Jämmerlichen Union (JU) in die Zeilen zu quetschen - samt wörtlichem Zitat altbekannter Parolen der Bürgersöhnchen und -töchter.

Die absolute Krönung der WZ-Samstagsausgabe war jedoch ein sehr umfangreiches Interview mit dem unerträglichen Kasper Peter Hintze, das - quasi als Abbitte für den Beitrag zu Lafontaine - direkt über diesem plaziert war, und in dem der CDU-Ageordnete "Wuppertal auf einem guten Weg" sieht. Ein Hohn. Womit sich der Kreis der letzten Wochen schliesst. Vielleicht hat er ja sogar Recht. Trotz Wiederwahl der "Bleimütze" vor zweieinhalb Wochen ist die Hoffnung nicht verloren, wenn man die Veranstaltung von Freitag zum Mass nimmt. Ob der "gute Weg" dann jedoch in die von Peter Hintze gewünschte Richtung führt, wird man noch sehen.

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Dienstag, 8. September 2009

TEUTOZILLA FREIGELASSEN

Ja, hatten sie denn vergessen, wie der Deutsche Partisanen bekämpft? Die grosse Tradition der angemessenen Ausrottung ganzer Ortschaften im Partisanenkampf gehört schliesslich zu den Kernkompetenzen einer deutschen Armee.

Wehrmachtsverbrechen

Jetzt ist das Gemaule auf amerikanischer, französischer und jeder anderen Seite gross. Jetzt plötzlich fällt ihnen wieder ein, warum es besser war, Teutozilla in eine dunkle Kiste zu stecken und ihn bestenfalls Weibsarbeit im Kriege machen zu lassen.

Nun schimpfen alle, weil das Tier tut, was es kann. Das ist nicht gerecht. Nachvollziehbar, dass Verteidigungsminister Jung wirkt wie ein beleidigter Schuljunge, der doch auch nur mal mitmachen wollte. Die Gelegenheit war doch günstig. Die LKW steckten fest und konnten nicht fliehen, und um sie herum hatten sich lohnend viele Dorfbewohner versammelt. Dass die, die seine Schergen dann riefen, um töten zu lassen, nun mit dem Finger auf ihn zeigen, muss den wackeren Mann gerade heute verschrecken und enttäuschen - hatte er sich doch so auf die Einweihung seines Ehrenmals für gefallene deutsche Krieger gefreut.

Das Fest hat ihm der Ami und der Franzos' jetzt wohl verdorben. Schon verständlich, dass der Kriegsminister aus Hessen nun nach Ausflüchten sucht. Dass er erzählt, die Tanklaster seien auf dem Weg gewesen, seine tapferen Wüstenfüchse in die Luft zu jagen, obschon sie geradewegs in die andere Richtung fuhren. Dass er behauptet, alle getöteten Kinder hätten keine Kanister sondern Gewehre getragen.

Doch der Jung sollte einfach mal etwas selbst- und traditionsbewusster sein. Wie das geht, hat ihm der Generalgouverneur von Kundus, Mohammad Omar vorgemacht, als er schlicht beschied: "Die Dorfbewohner haben den Preis dafür bezahlt, dass sie den Aufständischen helfen und ihnen Unterschlupf gewähren". Eben. Das ist Aufstandsbekämpfung deutschen Geistes. Dass ein dahergelaufener Ureinwohner kommen muss, um dem deutschen Minister zu erzählen, wo's langgeht, ist der eigentliche Skandal. Teutozilla eiert nämlich nicht 'rum. Der redet Klartext.

Doch das ist jetzt auch schon egal. Um es mit Manfred Stenner, dem Sprecher des "Netzwerks Friedenskooperative", zu sagen: "Meinethalben soll er es sich aussuchen: Wenn es ein Krieg ist, war das ein Kriegsverbrechen, ist es kein Krieg, war es Massenmord."

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Mittwoch, 6. Mai 2009

OFFENER BRIEF AN DIE WZ

Nachfolgend wird ein offener Brief an die WZ-Redakteure Manfred Görges und Andreas Lukesch dokumentiert, der sich mit der Berichterstattung der einzigen Lokalzeitung zur DGB-Kundgebung mit Franz Müntefering in Wuppertal am 1.Mai 2009 auseinandersetzt. Zu dieser Kundgebung waren etwa 350-500 Zuhörer erschienen, der Vortrag des SPD-Vorsitzenden und ehemaligen Vizekanzlers wurde durchgängig durch "Heuchler" und "Lügner"-Rufe sowie durch Pfiffe von etwa einem Drittel der Teilnehmer gestört. Die WZ berichtete darüber am Samstag, den 2.Mai mit einem Artikel von Manfred Görges und einem Kommentar von Andreas Lukesch.

Ihre Berichterstattung zum 1.Mai 2009 in Wuppertal

Sehr geehrte Herren Görges und Lukesch.

Sie, Herr Lukesch, schreiben in ihrem Kommentar vom 02.05. zur DGB-Kundgebung auf dem Laurentiusplatz: "(...) Ein Aufbegehren, der Volkszorn, der die wütenden Menschen auf die Strasse gehen lässt, sieht anders aus. (...) Der 'kleine Mann hielt still'. (...)". Gleichzeitig wissen Sie, Herr Görges, im Artikel von einem "Pfeifkonzert der Ultra-Linken" zu berichten, das wiederum Sie, Herr Lukesch, den "üblichen hohlen Krakeelern" zuschreiben.

Wie bitte hätten Sie es denn gern? Wie spielt sich ein "Aufbegehren" des "Volkszorns" vor ihrem inneren Auge denn ab? Benötigt es dafür brennende Autoreifen, oder festgesetzte Vorgesetzte? Das fällt für Sie doch wohl eher unter Krawall und Terror? Oder dachten Sie an zart vorgetragene Bitten wohlgeordneter Betriebsratsabordnungen?

Wenn massive Proteste vieler Kundgebungsteilnehmer reflexartig "hohlen Krakeelern" und "Ultra-Linken" zugeordnet werden, fällt es natürlich schwer, die Stimmung in der Bevölkerung auszumachen. Dabei ist es doch ganz einfach: Solange die politisch Verantwortlichen, die heute gegen die Bedingungen sprechen, die sie selber auf den Weg gebracht haben, eine geforderte "friedliche Unterhaltung", (Müntefering an die Protestler am 01.05.), als lautsprecherbeschallte Einbahnstrasse definieren, werden sie keine Massen mehr mobilisieren können - und jene, die noch kommen, werden sich immer weniger als willfährige Claqueure missbrauchen lassen. 

War die Teilnehmerzahl von etwa 350 Zuhörenden - der grosse Rest hielt sich an Getränkeständen auf, oder frühstückte in einem der Cafés am "Laurentius" - für die SPD - (es sprach immerhin ihr Bundesvorsitzender) - ohnehin schon ein erbärmliches Armutszeugnis, so waren die lautstark vorgebrachten "Lügner"- und "Heuchler"-Rufe und das Pfeifkonzert eines Drittels davon die direkte Konsequenz der Versuche Franz Münteferings, die Leute wiederholt für dumm zu verkaufen, indem er versuchte, die Verantwortung der SPD für Sozialabbau und Shareholder-Value-Fixierung der Regierungspolitik hinter wohlfeilen Appellen und quasioppositionellen Forderungen zu verstecken. Die gut hörbaren Proteste waren eine schallende Ohrfeige für die Sozialdemokraten, gerade, weil sie nicht von "Ultra-Linken", sondern von wesentlichen Teilen des DGB und vielfach auch von ehemaligen SPD-Parteigängern kamen. Die von ihnen ausgemachten "Ultra-Linken" waren in ihrer Mehrzahl jedenfalls gar nicht da, diese versammelten sich nämlich zeitgleich zur Demonstration an der Gathe. Es handelte sich auf dem Laurentiusplatz um einen Querschnitt der Wuppertaler Bevölkerung - es würde daher auch sehr verwundern, wenn die SPD nach den Ereignissen von Freitag noch eine öffentliche Grossveranstaltung in Wuppertal zur Bundestagswahl im Herbst einplante - zu deutlich war die Ablehnung ihres Vorsitzenden, sei es - unsichtbar- durch schlichtes Fernbleiben des Volkes, sei es - hörbar - durch die lautstarken Proteste vieler Anwesender. 

Wenn ihr journalistischer Horizont jedoch unmittelbar jenseits eines SPD-Parteibuchs nur noch "ultralinke Krakeeler" erkennen kann, muss man annehmen, dass es ihnen nicht um Berichterstattung, sondern um reine Stimmungsmache geht, der es hauptsächlich darauf ankommt, ein verarmtes, aber heimeliges und ruhiges Wuppertal zu zeichnen. Sie reihen sich damit hinter OB Jung ein, der sich - wie man ihrem Artikel entnehmen kann - nicht zu schade war, sich für den Unmut seiner Bürger beim ehemaligen Vizekanzler zu entschuldigen.

Dabei wäre es längst an der Zeit, dass die einzige Tageszeitung Wuppertals sich an die Seite ihrer Leser stellt, und auch jenen eine Stimme verleiht, die sich am Freitag erneut nur durch Rufe und Pfiffe vernehmbar machen konnten, anstatt krampfhaft die Illusion einer kuscheligen und harmonieseligen Stadt an der Wupper herbeizuscheiben, in der eben "viele lieber der Sonne ins Grüne folgen". Dort wären Sie, scheint's, offenkundig auch lieber gewesen...

Der von Ihnen vermisste "Volkszorn" ist jedenfalls ausreichend vorhanden, man muss ihn nur wahrnehmen wollen. Doch dann müsste eine Zeitung auch über die, im Anschluss an die DGB-Kundgebung stattgefundene, starke und wieder einmal von skandalösen Repressionen begleitete, linksradikale Demonstration zum Ölberg berichten, zumal sich dort, allen bedrohlichen Umständen zum Trotz, etwa doppelt soviele Teilnehmer versammelten als zuvor an der Bühne des Laurentiusplatzes. Dass sie diese am 02.05. lediglich mit dürren Zitaten des Polizeiberichtes in einem Einspalter auf Seite 4 des Lokalteiles würdigen, passt leider ins schiefe Bild, das man durch ihre Artikel zur DGB-Kundgebung erhalten muss - es überrascht einen aufmerksamen Leser ihres Blattes jedoch nicht wirklich.

Mit freundlichen Grüssen

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Freitag, 17. April 2009

TSCHÜSS, INTERNET

STOPP

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Freitag, 3. April 2009

G-SPOT LONDON, BRASSBOURG, BAADER BAADER. ES GEHT VORAN.

Geschichte wird gemacht. In London winken Bankster den, unter ihren Bürofenstern vorbeilaufenden G20-Demonstranten mit Geldscheinen zu, die zehntausendköpfige englische Polizei kesselt unablässig Gruppen von Gipfelgegnern ein und verhaftet scheinbar willkürlich Leute - und dennoch demonstrierten Tausende bis gestern auf den Strassen und teilweise auch in den Foyers der Banken der europäischen Monopoly-Zentrale für ein Ende des Systems.

In Strasbourg, Kehl und Baden Baden wird das Demonstrationsrecht durch geschlossene Grenzen, durch Reiseverbote, einem Verbot von Kapuzenpullis, Sonnenbrillen und Friedensfahnen, einem Verbot der schnellen Bewegung und einem einzuhaltenden Mindestabstand zu Polizisten von Einsfuffzig pervertiert, es kreisen Hubschrauber und AWACS-Aufklärer über hochgerüsteten Schutztruppen in Heeresdimension - und trotzdem werden ab heute Tausende die NATO-Geburtstagskonferenz der versammelten Welt-Krieger mit ihrem Protest begleiten und zu sabotieren versuchen.

No NATO

Die Dinge spitzen sich zu. Das System reagiert nervös. Gewachsene Militanzbereitschaft der Prätorianergarden, ihre ausufernde Bewaffnung und der Einsatz der Armee, immer neue Gesetze und zunehmend skurrilere Auflagen sprechen eine deutliche Sprache. Niemand sollte glauben, eine "Wende" liesse sich mit einem Gegenüber, das um seine zusammengeraubten Milliarden fürchtet, ähnlich friedlich realisieren, wie jene, deren zwanzigster Jahrestag inmitten der eigenen Legitimationskrise von den selbsternannten Eliten gefeiert wird.

Zur Vorbereitung einer möglichen Aufstandsbekämpfung werden daher zehntausende Einsatzkräfte an die Hotspots gesellschaftlicher Auseinandersetzungen gekarrt, es werden Überwachungs- und Zensurparagraphen geschaffen - wie erst in der letzten Woche wieder - und durch Bezirks- und Kreisverbindungskommandos der Bundeswehr sind längst auch mit den Kommunen vernetzte militärische Strukturen geschaffen worden, die die sogenannte zivil-militärische Zusammenarbeit im nicht näher definierten Krisenfall gewährleisten sollen. Hier schliesst sich auch der Kreis zu den "No-NATO"-Protesten dieses Wochenendes. Deutschland, bzw. seine Wirtschaftsinteressen, werden eben nicht nur am Hindukusch, sondern nötigenfalls auch in unseren Innenstädten verteidigt.

Natürlich werden heute und morgen auch die versammelten Claqueure und Stichwortgeber der bürgerlichen Medien wieder bereitstehen, wenn es darum geht, die gestern in London verkündeten Absichten als "historische Entscheidung" und die NATO als Friedensbringer zu verklären, und andererseits die Proteste gegen das "TINA"-Kartell zu kriminalisieren und zu marginalisieren. Anfänge sind ja schon gemacht.

Während des Gipfels von Heiligendamm war zu beobachten, wie sich die gesamte deutsche Presse von sämtlichen hehren, selbstgezimmerten Prinzipien des Journalismus verabschiedete. Es war die Zeit der wörtlich übernommenen Polizeiberichte, der Säureattacken durch die "Clowns Army" und der sich in Krankenhäusern stapelnden verletzten Polizisten, die in Wahrheit nirgends zu finden waren. Es war die Zeit der totalen Desinformation, an der alle - wirklich alle - bürgerlichen Medien mitwirkten. Es war auch das endgültige Aus der "taz" als Zeitung einer Bewegung, die sich längst am einstigen Renommierobjekt einer linken Öffentlichkeit vorbeibewegt hatte.

Während des G8-Gipfels wäre es schlicht unmöglich gewesen, den Überblick zu behalten, hätte es nicht die Möglichkeit zur Information über der Internetz gegeben. Neben einigen, regelmässig aktualisierten Blogs - seinerzeit z.T. noch mit SMS-Ticker - was es vor allem die Tageszeitung junge Welt, die sich mit einem redaktionellen Nachrichtenticker gegen die Manipulationen des Wahrheitsministeriums gestemmt hat, als versucht wurde, den späteren Sieg der Proteste durch die Berichterstattung zu den Ereignissen in Rostock zu verhindern. Sie war z.B die erste Zeitung, die durch eine simple Telefonrecherche in den Hospitälern die Mär von mehreren hundert verletzten Polizisten als das entlarvte, was es war - eine simple, der Kriminalisierung der Gipfelgegner dienende Lüge.

Auch zu den Protesten gegen die NATO-Konferenz in Strasbourg und Kehl bietet die junge Welt diesen Service wieder an. Jedem, der die mediale Lobotomie durch das Wahrheitsministerium nicht mehr erträgt, sei daher ein regelmässiger Reload dieser Seiten für heute und morgen empfohlen.

Es gibt natuerlich auch Alternativen. Indymedia stellt immer eine brauchbare Quelle direkter Berichte dar, ein Newsticker findet sich z.B. auch hier. Und vielleicht kann ja auch die eher dämliche Stummelkommunikationsform "Twitter" doch mehr an Vernetzung und Mobilisierung leisten, als ihr normalerweise zuzutrauen ist. Einen Test ist es wert. Über die Twitter-Suchfunktion lassen sich jedenfalls sehr schnelle Informationen auffinden, bespielweise unter dem Suchbegriff "No NATO".

Lasst euch nicht enthirnen.

P.S. Weil an dieser Stelle nun schon so explizit auf die junge Welt hingeweisen wurde, noch ein Lesebefehl - vorgestern gab es auch ein neues "Taktik-Kassiber" von Commander Shree Stardust: Entlastet die Vorhut!. Shree Stardusts Empfehlungen und Hinweise gehörten nicht nur in Heiligendamm zu den lesenswertesten Beiträgen, die in der deutschen Presse erschienen sind. Leider sind nur noch zwei weitere Beiträge der Artikel-Serie kostenfrei online.

Angesichts der auch heute und morgen noch aktuellen Bedeutung von Shree Stardusts Artikeln zu Heiligendamm, muss man die restriktive Preis-Politik der jungen Welt in Bezug auf die alten Taktik-Kassiber des Commanders leider sehr kritisieren. Bei allem Verständnis für die Finanzlage des Blattes.

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Donnerstag, 11. September 2008

ELFTER SEPTEMBER

Als in den Morgenstunden des elften September die Flugzeuge gekommen waren und dann aus dem grossen Gebäude Rauch aufstieg, als die Überlebenden auf die Strasse flohen und sich die Informationen im zusammenbrechenden Kommunikationssystem der Stadt, einander widersprechend, überschlugen, wurde nach und nach klar, dass nach diesem Tag nichts mehr so sein würde, wie es zuvor gewesen war.

Der Luftangriff auf die La Moneda und auf Stadtviertel Santiago de Chiles bedeutete am Morgen des elften September die Machtübernahme des illoyalen Arschlochs Augusto Pinochet und beendete das Leben des gewählten Präsidenten Chiles, Salvador Allende. Nach Stunden des heftigen militärischen Widerstands gegen den faschistischen Putsch durch seine letzten Vertrauten im Präsidentenpalast, und nach einer allerletzten - von einer der wenigen noch sendefähigen Stationen übertragenen - Radioansprache an das Volk Chiles, - (unten gibt es den Soundtrack zum Artikel) - schickte Salvador Allende, im Glauben, dadurch ihr Leben zu retten, seine verbliebenen Verteidiger hinaus auf die Strasse zu ihren Häschern. Allende selbst wurde später erschossen in den Ruinen der Moneda aufgefunden, die Umstände seines Todes sind nie endgültig geklärt worden.

Als sich schliesslich der Tag heute vor 35 Jahren seinem Ende entgegenquälte, war die kurze, aber hoffnungsvolle Geschichte der Unidad Popular in Chile beendet. Schon in den nächsten Tagen waren tausende Chilenen verhaftet, getötet oder auf der Flucht, darunter viele der wichtigsten Künstler und Intellektuellen des Landes. Unter ihnen auch Victor Jara, der wie 5.000 andere, noch am gleichen Tag im Stadion Santiago de Chiles interniert wurde. Die Folterer brachen ihm zunächst beide Hände, damit er nicht mehr Gitarre spielen konnte und ermordeten ihn schliesslich innerhalb der ersten Woche nach dem konterrevolutionären Putsch.

Weniger als ein Jahr danach hatte sich die Junta mit Folterungen und Mord, weltweiten Protesten zum Trotz, jedoch unter dem Beifall vieler westlichen Regierungen, in Chile fest etabliert, während zehntausende Chilenen ausser Landes flohen. Alleine die DDR rettete 2.000 Opfer der Reaktion vor Verfolgung und Vernichtung. Auch in der, noch von Willy Brandt regierten, Bundesrepublik waren mehrere tausend von ihnen untergekommen und mit ihnen die Erfahrungen eines neuen Faschismus. Sie erlebten mit, wie, wenige Monate nach dem Putsch, eine chilenische Mannschaft - die sich nur hatte qualifizieren können, weil die sowjetische Sbornaja sich weigerte, nach dem Morden, das im zum KZ gewordenen Nationalstadion Santiagos stattgefunden hatte, dort anzutreten, obwohl die FIFA den blutgetränkten Boden für bespielbar hielt - bei der WM in Deutschland unter ihren Protesten und Aktionen von Demonstranten ein Vorrundenspiel gegen die BRD mit 0:1 verlor, sie setzten, wo es möglich war, ihre Arbeit in der DDR oder der BRD fort, sie besuchten die Universitäten und sie engagierten sich im Kulturleben ihrer Gastländer. Auch an unserer Schule tauchten neue Mitschüler auf, deren Eltern ihr Heimatland eben noch hatten verlassen können. Die Begegnung mit ihnen war für uns junge Schüler das erste Aufeinandertreffen mit Flüchtlingen, die um die halbe Welt geflohen waren, um Tod oder Folter zu entgehen und für manche war es der erste Kontakt zu ausländischen Jugendlichen überhaupt. Durch die Bekanntschaft zu ihnen begannen einige erstmals, sich näher für die Hintergründe der Flucht zu interessieren. Das, was sie erfuhren, löste Verstörung, Empörung und Mitgefühl aus - die Opfer der brutalen Gewalt bekamen ein Gesicht. Das unserer Mitschüler.

Doch das betraf nicht nur uns jugendliche Schüler. Ganz im Gegensatz zu verschiedenen Politikern der BRD, die, wie Franz-Josef Strauss, der Ansicht waren, dass "angesichts des Chaos, das in Chile geherrscht hat, (...) das Wort Ordnung für die Chilenen plötzlich wieder einen süßen Klang (erhält)“, reagierte die - noch von den politischen Diskussionen der späten sechziger Jahre beeinflusste - Gesellschaft der BRD mehrheitlich betroffen und oft sogar solidarisch mit den nach Deutschland Geflohenen. In der BRD entstand die erste Solidaritätsbewegung mit einem Land, das häufig dem Trikont zugerechnet wurde, was angesichts des hohen Industrialisierungsstands Chiles eigentlich ungenau war.

Diese - heute fast nicht mehr denkbare - breite Reaktion auf einen faschistischen Putsch am anderen Ende der Welt, die oft zwischen Hilflosigkeit, Trauer und Wut schwankte, hatte einen ihrer Ausgangspunkte im Erkennen der Tatsache, dass der Kapitalismus eine systemimmanente echte Veränderung niemals zulassen würde - allen, einer friedlichen und demokratischen Lösung zuliebe, eingegangenen Kompromissen zum Trotz, und im offenen Widerspruch zur demokratischen Maskierung, mit der die imperialistischen U.S.-amerikanischen und europäischen Interessen damals wie heute getarnt werden. Der 1968, durch Panzer des Warschauer Vertrags, und unter grosser Anteilnahme der westdeutschen Öffentlichkeit, beendete "Prager Frühling" in der realsozialistischen CSSR war erst fünf Jahre vorbei - da soff die wohlige Illusion, dass systemverändernde Entwicklungen im "freien Westen" anders verlaufen würden, in chilenischen Blutlachen von CIA und Pinochet endgültig ab. Und mit ihr die Zuversicht, auf den, vom Kapitalismus angebotenen Wegen wirkliche Veränderungen erreichen zu können. Für diese verlorene Illusion der Linken hatten die chilenischen Anhänger der Unidad Popular einen hohen Blutzoll zahlen müssen.

Und wie um chilenische Erfahrungen nachzuvollziehen, zerbrach an dieser Erkenntnis im weiteren Verlauf der Geschichte auch eine bis dahin noch bestehende Aktionseinheit fortschrittlicher Gruppen in den meisten der westlichen Länder. In den Jahren nach dem in Chile geführten Krieg gegen das Volk verstärkten bewaffnete Gruppen weltweit ihren Kampf gegen Imperialismus und Kapital; auch mit dem Ziel, dass die bittere Erfahrung der chilenischen Revolution nicht umsonst gewesen sein sollte. Andere, die vor notwendigen Konsequenzen zurückschreckten, begannen stattdessen, sich auf rein reformistische gesellschaftliche Teilaspekte zu beschränken, und sich aus Systemfragen zunehmend zurückzuziehen. Ein Weg, der später in einer ängstlich-pazifistischen Friedensbewegung und in der Gründung einer staatstragenden Umweltpartei münden sollte. Wurden diese vom System nach und nach absorbiert, so wurden jene im Verlauf ihres zunehmend verzweifelter werdenden Kampfes durch Counter-Strategien und Repression, aber auch durch eigene strategische Fehleinschätzungen beinahe vollständig aufgerieben, getötet oder verhaftet. Viele sitzen noch heute in den Knästen. Der weltweite Aufbruch der frühen siebziger Jahre kam zum Erliegen.

Ohne den elften September 1973 wäre die Entwicklung der Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen System zweifellos anders verlaufen. An diesem Tag vor 35 Jahren jedoch landete die CIA, und mit ihr das Kapital, einen grossen Coup gegen alle aktuellen und zukünftigen Bestrebungen, den Kapitalismus zu überwinden.

Eine geglückte, friedliche revolutionäre Veränderung Chiles, hätte zu einem Zeitpunkt, an dem das kapitalistische System weltweit unter Druck geraten war - im gleichen Jahr erst hatten die U.S.A. aufgrund einer sich zuspitzenden wirtschaftlichen Krise den Krieg in Vietnam endgültig verloren gegeben - eine positive Dynamik entfalten können. Eine erfolgreiche und demokratisch herbeigeführte Transformation eines - im Verhältnis - gut entwickelten Industrielandes zu einem sozialistischen Modell hätte nicht nur in Süd- und Mittelamerika ein Leitbild für progressive, linke, in einem breiten Bündnis agierende, gewerkschaftliche und politische Bewegungen sein können - die Begeisterung und die Aufbruchsstimmung, die die Unidad Popular auf den Strassen und Plätzen Chiles auslöste, war höchst ansteckend. Diese Ansteckungsgefahr war akut, und äusserte sich in einer Form, die sich auch heute noch, beispielsweise durch einige hervorragende Dokumentarfilme wie die von Patricio Guzmán, auf Betrachter überträgt.

Die faschistische Niederschlagung der chilenischen Revolution hingegen ist einer der entscheidenden Wendepunkte für die spätere weltweite Niederlage emanzipatorischer Bewegungen gewesen. Jener dynamische Prozess, der positiv denkbar gewesen wäre, lief nun in gegensätzlicher Richtung ab.

Die Niederlage der chilenischen Revolution war auch der Beginn einer durchgeprügelten neoliberalen Wirtschaftsordnung. Deren, durch die Junta erstmals weitgehend etablierten Glaubenssätze - die in Chile zunächst als Korrekturen "sozialistischer Experimente" dargestellt wurden - bilden mittlerweile weltweit die Basis einer Politik zulasten der Armen und zugunsten der Besitzenden. Der Angriff auf staatliche Sozialversicherungssysteme etwa, wurde erstmals in Chile geprobt, als die Junta die chilenische Sozialversicherung, die die älteste ausserhalb Europas gewesen war, zur Disposition stellte. Und auch für eine antigewerkschaftliche Politik, wie sie am Ende des Jahrzehnts von Margret Thatcher in England betrieben werden sollte, hatte man im faschistischen Chile Pinochets zuvor ein willkommenes Experimentierfeld gefunden.

Nach dem elften September 1973 ist also tatsächlich nichts mehr so gewesen, wie zuvor. Der Tag war der Anfang eines Endes, dessen ganze Wirkung erst mit der Zeit eintrat.

Angesichts der Emotionsinszenierungen, die sich mit einem ganz anderen, ebenfalls an einem elften September stattgefundenen, Ereignis beschäftigen und heute ganztags aus den Medien schwappend, unsere Hirne verkleistern sollen, soll hier deshalb an den elften September vor 35 Jahren erinnert werden, ohne den auch Nine-Eleven möglicherweise nur ein ganz gewöhnlicher Werktag geblieben wäre.

Es soll eine Erinnerung sein an ein Datum, das tausende Menschen ihr Leben kostete und den weiteren Verlauf des revolutionären Kampfes massgeblich bestimmte. Ein Datum, das noch heute traurig macht, wenn man z.B. in Patricio Guzmáns Dokumentation über seinen dreiteiligen Film "Die Schlacht um Chile", in die Gesichter jener Passanten im heutigen Santiago de Chile blickt, die zunächst staunend, und dann mit Tränen in den Augen den Marsch einer jungen Studentenkapelle verfolgen, die mitten in Santiago jahrzehntelang verbotene Hymnen der Unidad Popular spielt, und in denen sich die zaghafte und wehmütige Erinnerung an eine Zeit des verlorenen Aufbruchs widerspiegelt.

Ein Datum auch, das wieder die Perspektive auf Entwicklungen in Lateinamerika richtet, z.B. nach Venezuela oder Bolivien, bei der man erkennen muss, wie manche Abläufe sich zu wiederholen scheinen. Die Strategien, die sich heute gegen Hugo Chávez oder Evo Morales richten, ähneln in weiten Teilen jener Kampagne gegen Salvador Allende, die den Putsch der Militärs vorbereiten sollte. Doch nichts ist entschieden. Noch kann Geschichte diesmal anders ausgehen und noch scheint es, als könnte Savador Allende mit seiner letzten Rede doch Recht behalten: In diesen düsteren und bitteren Augenblicken, in denen sich der Verrat durchsetzt, sollt ihr wissen, dass sich früher oder später, sehr bald, erneut die großen Straßen auftun werden, auf denen der würdige Mensch dem Aufbau einer besseren Gesellschaft entgegengeht.*

¡ El Pueblo Unido Jamás Será Vencido !

* (Die ganze Übersetzung der Rede findet sich in den Kommentaren.)

Einige weiterführende Links zum Thema:
Der Wikipedia-Eintrag zum Putsch am 11.09.1973
Ausführliches Dossier der Frankfurter Rundschau zum Thema
Chronik der Ereignisse von Matthias Mann
Umfassende Linksammlung zu Interviews, Gesprächen und Dokumenten
Google-Video: Die Schlacht um Chile, Teil 1 von Patricio Guzmán (span./96 Min.)
Google-Video: Die Schlacht um Chile, Teil 2 von Patricio Guzmán (span./86 Min.)

Der Soundtrack zum Artikel; * (Tracklist in den Kommentaren)

1970 - 1973 - 1983

Download mp3-File [13 Minuten; 30MB]

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Freitag, 29. August 2008

CELEBRATION-TIME. DER NRW-TAG. (IV)

Die Worte des Oberbürgermeisters beherzigen

Während der nächsten drei Tage gilt es, die weisen Worte des ehrenwerten Oberbürgermeisters unserer Stadt - Peter Jung - zu beherzigen: "(...) Ich würde mich sehr freuen, wenn auch Sie sich nach Kräften an unserem Nordrhein-Westfalen-Tag beteiligen würden - wir brauchen Ihr Engegement für den Erfolg." (Peter Jung in seinem Grusswort in der Wuppertaler Rundschau vom 27.08.2008)

Link des Artikels: http://um3000.twoday.net/stories/5155458/
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Montag, 25. August 2008

CELEBRATION-TIME. DER NRW-TAG (I)

Journalistisches Totalversagen

No NRW-Tag!

"...sind illegale Sprayer zu dem Thema in der Stadt unterwegs:" (WZ)

Nachdem die Wuppertaler Nachrichtenmonopolisten der WZ - die sich offenbar eher als Erfüllungsgehilfen der städtischen Marketing GmbH, denn als journalistisches Medium begreifen - die geplanten Proteste und Aktionen zum NRW-Tag in Wuppertal am nächsten Wochenende wochenlang verschwiegen hatten, hat sich nun, am Dienstag letzter Woche, Andreas Lukesch in der Westdeutschen Zeitung dann doch mal dazu zu Wort gemeldet. Anhaltendes Schweigen wäre jedoch besser gewesen.

Offenkundig ohne jeden Versuch einer Recherche bei den Veranstaltern des geplanten Tribunals gegen die NRW-Landespolitik, und ohne jede kritische Distanz zum Polizeieinsatz am 01.Mai - bei dem am Ostersbaum 199 Leute willkürlich festgenommen worden waren - schwankt Lukeschs Artikel zwischen Selbstgefälligkeit, kleinmütiger Sorge um das grosse Fest und kaum verhohlenen Drohungen gegen die autonome Szene, für die er "einen Polizeisprecher" zitiert, um ausgerechnet diesen Polizeiüberfall auf die diesjährige autonome 1.Mai-Demonstration als Muster für einen Umgang mit Störern des NRW-Tags zu empfehlen. Dass Lukesch dabei an vielen Stellen einen unfreiwillig komischen Artikel verfasst hat, dürfte bei diesem Eiertanz unvermeidlich gewesen sein.

So war die versuchte Skandalisierung der Tatsache, dass der Aufruf des Wuppertaler AStA zum Tribunal gegen die NRW-Landespolitik über die Universitäts-Homepage verlinkt war - (wo denn sonst, fragt man sich) - selbst in den Augen des einzig dazu befragten Uni-Sprechers Michael Kroemer eigentlich nur dann ein Skandal, wenn man dem AStA das "Recht auf freie Meinungsäusserung absprechen will". Gar nicht mehr komisch ist dann jedoch, dass genau das aber mittlerweile offenbar tatsächlich geschehen ist - die AStA-Seite des Demonstrationsaufrufs ist jedenfalls inzwischen anscheinend vom Netz genommen worden.

Screenshot

Freie Meinungsäusserung? Google-Cache-Screenshot.

Noch lustiger wird es allerdings, wenn Lukesch im weiteren Verlauf die pauschale wie unpräzise Behauptung, die Stadthalle sei am nächsten Freitag ohnehin "Sperrgebiet" in den Raum stellt, offenkundig nur, um dem ganzjährig redaktionell satt beworbenen "Wupper-Beach" an der Stadthalle die Gelegenheit zu geben, darauf hinzuweisen, dass es dort am 29.08. keine Cocktails in die Hohlbirnen zu schütten gibt. Alle also, die darauf hofften, dort an der Cocktailbar zwischen den, in der WZ so gern abgedruckten, im Feinsand liegenden, Bikinimäusen ihren Molotow-Cocktail erstehen zu können, gucken demnach in die Röhre... Demzufolge erwartet Lukesch neben vielen "fröhlichen NRW-Tag-Besuchern" durchaus auch "mürrische Protestler".

Lukeschs Artikel kann in der Summe nur als halb-offizieller Versuch gewertet werden, die einen mittels zu erwartender Aussichtslosigkeit vom Protestieren abzuhalten und die anderen von Vornherein einzuschüchtern. Er stellt schlicht einen neuerlichen Tiefpunkt journalistischen Versagens bei Wuppertals einziger Tageszeitung dar.

Dafür, dass der Plan, Proteste am Wochenende im Keim zu ersticken, nicht aufgeht, können jedoch möglichst viele Leute sorgen, die sich am Freitag-Nachmittag zur NRW-Kabinettssitzung am Johannisberg einfinden, um der Landesregierung, aber auch der Stadtspitze zu zeigen, was sie von der beabsichtigten Selbstbeweihräucherung der Landes- und Lokalpolitiker halten. Lasst euch dort sehen und hören, und bringt jeweils noch eine oder einen mit.

Lasst uns einfach aus dem ganzen NRW-Tag-Wochenende ein Happening machen, dass überregional Beachtung findet, sodass man es bei der Berichterstattung darüber dann vielleicht auch mal mit einigen richtigen Journalisten zu tun bekommt.

Weitere Infos: Alles zum NRW-Tag - die Seite zum Fest

Link des Artikels: http://um3000.twoday.net/stories/5146780/
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